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„Impfen Pro & Contra:
Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte
Eine Analyse

 

Achter Teil -“Die Impfstoffhersteller”

 

Um es zu Beginn zu sagen: Arzneimittelhersteller sind keine edlen Institutionen, die zum Ziel haben, ethisch zu handeln. Es handelt sich um Unternehmen, die Gewinne erzielen möchten. Arzneimittelhersteller sind in der Vergangenheit nicht durch eine Kultur der Aufrichtigkeit aufgefallen und haben wieder und wieder gezeigt, dass sie streng reguliert werden müssen. Nichtsdestotrotz stehen wir heute mit einer beeindruckenden Auswahl von Wirkstoffen da, die dafür sorgen, dass wir gesünder sind als je zuvor. Sie sorgen dafür, dass wir nicht mehr an Krankheiten sterben und teilweise mit weniger Symptomen krank (1) sind. Hirte versucht, diese Probleme in der Pharmaindustrie zu nutzen, um die Empfehlungen der STIKO in Frage zu stellen. Dabei sorgt die STIKO unter anderem dafür, dass die Hersteller bei Impfungen die hohen Standards einhalten, die unsere Gesundheit verdienen. Denn allen Beteiligten ist klar, dass gesunde Kinder geimpft werden. Die dürfen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch die Impfung keinen Schaden nehmen.

Hirtes Ziel in diesem Kapitel wird jedoch unter anderem dadurch unterlaufen, dass er sich in Widersprüche verwickelt.

Hirte beschreibt die Konzentration der Hersteller auf dem „Impfmarkt“:

Ähnlich wie auf anderen Märkten findet auch im Bereich der Impfstoffherstellung ein zunehmender Konzentrationsprozess statt. Gab es Anfang der siebziger Jahre noch über 25 Impfstoffhersteller, so werden die heutigen Impfstoffe im Wesentlichen von fünf international operierenden Pharmariesen produziert und vermarktet: Merck, Sanofi-Aventis, GlaxoSmithKline, Pfizer/Wyeth und Novartis. Impfstoffe machen bei diesen fünf Global Players zwar jeweils weniger als 10 Prozent des Umsatzes aus, jedoch gilt der Impfstoffmarkt als »Türöffner« für andere Pharmaprodukte und hat dadurch eine starke »Hebelwirkung«. (Seite 38)

Zuerst fällt auf, dass Hirte hier keine Quellen für seine Aussagen nennt. Das ist in diesem Buch etwas merkwürdig, da es sonst vor – oft irreführenden – Quellen strotzt. Im Kapitel „Interessenkonflikte“ schreibt Hirte, Impfstoffe seien die umsatzstärksten Medikamente, was falsch ist. Hier machen sie weniger 10 Prozent des Umsatzes aus, was ungefähr hinkommt. Er beschreibt innerhalb weniger Seiten sich widersprechende Fakten und versucht trotzdem, sie jeweils argumentativ zu nutzen.

Ich verstehe nicht, wie ein Impfstoff als „Türöffner“ funktionieren soll? Gerade bei Kindern gibt es wenige neue Medikamente, für die es Türen zu öffnen gäbe. Kinderärzte sind sehr konservativ, was die Verwendung neuer Arzneimittel angeht. Hersteller auf der anderen Seite führen kaum Studien für Medikamente bei Kindern durch, weil der Markt so klein ist. Vielleicht meint Hirte damit die Situation in Schwellenländern, aber auch das ergibt nicht viel mehr Sinn. Ich halte das für eine unbelegte Behauptung.

„Zudem wächst der Impfmarkt deutlich schneller als das restliche Geschäftsfeld: Von 2005 bis 2009 haben die Umsätze um 23 Prozent pro Jahr zugelegt und sollen die nächsten Jahre noch mal jährlich um 10 Prozent wachsen (Financial Times vom 15. Oktober 2009). Wegen der teilweise niedrigen Entwicklungskosten und der geringen Marketingkosten – die übernimmt der Staat mit seinen Impfempfehlungen – liegen die Gewinnmargen bei bis zu 50 Prozent. Da die aufwendigen Produktionsanlagen für Impfstoffe in der Regel zu teuer sind für kleine Generikahersteller, gibt es auch nach Auslaufen des Patentschutzes kaum Konkurrenz durch billige Nachahmerpräparate.“ (Seite 38)

In die Zeit, die Hirte beschreibt, fällt die Markteinführung von Gardasil, eines Impfstoffs gegen Humane Papilloma Viren. Der Impfstoff war seinerzeit zu astronomischen Preisen auf den Markt gekommen. Dass da der Markt gewachsen ist, wundert nicht. Leider konnte ich die von Hirte genannte Quelle nicht finden und auch sonst die Angaben nicht bestätigen. Eine Kritik bei der Markteinführung von Gardasil war das Marketing, welches sich direkt an junge Frauen richtete (soweit das in Deutschland möglich ist). Wenn Impfempfehlungen ausreichen, wieso wurde dann vom Hersteller von Gardasil so zielgerichtet Werbung gemacht?

Wenn die Entwicklungskosten von Impfstoffen so niedrig sind, sollte es mehr Impfstoffe geben. Die Entwicklung von Impfstoffen scheint komplizierter zu sein, als Hirte meint.

Im arznei-telegramm, einer unabhängigen Publikation zur Bewertung von Arzneimitteln, die von Hirte vielfach zitiert wird, wenn seine Aussagen bestätigt werden, steht zur Entwicklung des Impfstoffes gegen Rota-Viren:

„(…) Sie errechnen so die Entwicklungskosten für die beiden Rotavirusimpfstoffe ROTARIX und ROTATEQ. Die Hersteller konnten hierfür zwar auf relevante Vorarbeit öffentlicher Einrichtungen zurückgreifen, mussten andererseits aber ungewöhnlich umfangreiche klinische Prüfungen mit jeweils über 60.000 Kindern finanzieren, um das Risiko intestinaler Invaginationen abschätzen zu können, die zur Marktrücknahme eines früheren Schluckimpfstoffes gegen Rotaviren geführt hatten (a-t 2008; 39: 111-4). (…) Insgesamt kommen sie – ohne Einberechnung fiktiver entgangener Gewinne – auf einen Gesamtaufwand für ROTARIX zwischen 128 und 192 Millionen Dollar und für ROTATEQ zwischen 137 und 206 Millionen Dollar. Die Autoren überschlagen, dass die Firmen innerhalb eines Verkaufsjahres ihre Forschungskosten – und mehr – wieder hereinholen müssten.“

Ein Impfstoff gegen das Chikungunya-Virus, welches überwiegend öffentlich finanziert wird, wird zwischen 150 und 375 Millionen Euro kosten. Offenbar möchte kein Hersteller den Impfstoff als „Türöffner“ mit „Hebelwirkung“ nutzen. In einer Veröffentlichung (PDF) der Ärztezeitung wird von bis zu einer Milliarde Euro gesprochen, eine Zahl, die jedoch umstritten ist.

Der Hinweis auf fehlende Generikahersteller ergibt wenig Sinn. Was interessieren ein Unternehmen teure Entwicklung und Produktionsanlagen, wenn die Gewinnmargen bis zu 50% liegen? Könnte es sein, dass mit den meisten Impfstoffen nicht so viel Geld verdient wird? Und würden die Pharmafirmen an den Erkrankungen nicht viel mehr verdienen, als an den Impfungen?

„Insgesamt ist also der Impfmarkt hochattraktiv, zumal in Zeiten, wo die Umsätze bei den konventionellen Medikamenten zurückgehen – wegen auslaufender Patente, fehlender Neuentwicklungen und kostendämpfender Eingriffe der Gesundheitsbehörden. Kein Wunder also, dass die Pharmariesen nichts unversucht lassen, neue Impfmärkte zu erschließen. Wissenschaftler, Ärzte und Behörden sind die Zielgruppen dieser Bemühungen.“ (Seite 38/39)

Ich stelle nochmal dieselbe Frage: Wenn der „Impfmarkt hochattraktiv“ ist, warum gibt es dann nicht mehr Hersteller?

Wenn die Behörden auf der einen Seite kostendämpfend eingreifen, wieso lassen sie sich dann ausgerechnet beim Thema Impfen von Herstellern um den Finger wickeln? Und wieso sprach sich dann der damalige Leiter der STIKO gegen eine Impfpflicht aus, die Hirte in den vorherigen Kapiteln in dunkler Vorahnung befürchtet hatte? Jan Leidel vertrat damit eine zum damaligen Zeitpunkt nicht gerade populäre Meinung.

Was meint Hirte eigentlich damit, die Unternehmen würden „Impfmärkte erschließen“? Ich bin der Ansicht, dass, wenn eine Impfung medizinisch Sinn ergibt, die STIKO sie auch empfehlen sollte. Das erwarte ich von der STIKO, auch auf die „Gefahr“ hin, dass ein Unternehmen Gewinn damit macht. Für Hirte wäre dies Beleg für das „Erschließen neuer Märkte“.

Das Kapitel wirft mehr Fragen auf, als dass es zur Argumentation gegen Impfungen dienen könnte. Es fehlt an innerer Logik und Belegen. Auch ist nicht klar, ob die Dinge, die den Tatsachen entsprechen, für Impfstoffe gelten? Das Kapitel kann nur dann als Argument gegen Impfungen angenommen werden, wenn man jeden eigenen Punkt für sich nimmt, auf Impfungen bezieht, ihn nicht hinterfragt oder in einen Kontext stellt. Wie bisher alle Kapitel wirkt auch dieses auf den ersten Blick schlüssig, hält jedoch einer näheren Betrachtung nicht stand.


(1) Im Gegensatz zu tot, nicht im Gegensatz zu gesund.