Am 12.10.2019 fand in Berlin eine vom Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ organisierte Veranstaltung zur geplanten Masern-Impfpflicht statt. Jan Oude-Aost besuchte für den INIBlog die Veranstaltung und wird in mehreren Beiträgen darüber berichten. Der nachstehende einleitende Teil ist dabei zunächst eine interessante atmosphärische Schilderung, die sich noch nicht detailliert mit den in der Veranstaltung vertretenen Positionen befasst.

Von Steffen Rabe, dem Vorsitzenden des Vereins “Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ hatte ich nach einem kritischen Mailaustausch eine Einladung erhalten. Meine Familie erteilte die Erlaubnis für diese Exkursion und so holte ich mir (fast) pünktlich mein Eingangsbändchen ab und betrat das „Kosmos“, ehemals Premierenkino, heute Veranstaltungszentrum, nachdem ich auf dem Weg dorthin als Nicht-Berliner die “Arbeiterpaläste” an der Friedrichshainer Karl-Marx-Allee bewundern konnte.

Zu Beginn sollte der Film “Eingeimpft” von David Sieveking gezeigt werden, was sich – für mich glücklicherweise – wegen technischer Schwierigkeiten verzögert hatte. Danach sollte es für das Publikum die Möglichkeit geben, verschiedene Experten an Stehtischen zu befragen, darunter unter anderem Herrn Rabe, Herrn Hirte und Frau Müller. Den Abschluss sollte eine Podiumsdiskussion bilden, zu der sich neben dem Vorsitzenden der STIKO, Prof. Mertens, weitere hochkarätige und dem Impfen zum Großteil positiv gegenüberstehende Teilnehmende angekündigt hatten. Der Podiumsdiskussion werde ich einen eigenen Beitrag widmen.

Ich traf Herrn Rabe am Eingang und wurde sehr freundlich und verbindlich begrüßt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Patienten bei ihm gut aufgehoben fühlen. Wir stellten fest, dass ich eingelassen, keiner Taschenkontrolle unterzogen wurde und, das wurde von einer anwesenden Dame betont, keinen Eintritt hatte zahlen müssen. Das ist der Interessenkonflikt, den ich an dieser Stelle offenlegen möchte, mein Essen habe ich jedoch selbst bezahlt. Herr Rabe stellte mich dann Herrn Hirte vor, dessen Begrüßung etwas reservierter, jedoch ebenfalls freundlich ausfiel. Wir tauschten uns kurz darüber aus, dass er einige meiner Kritikpunkte zu seinem Buch (siehe diese Webseite) in die neue Auflage (vermutlich erscheinend zwischen 2021 und 2023) integrieren wolle. Nach einigen kritischen Bemerkungen zu Interessenkonflikten der STIKO und der einen oder anderen wertenden Beschreibung, die ich aus Höflichkeit gegenüber Herrn Hirte an dieser Stelle nicht wörtlich wiederhole, wagte ich entgegen meinem eher konfliktscheuen Naturell eine Replik. Ich wies darauf hin, dass einige der von ihm zitierten Autoren ebenfalls Interessenkonflikte hätten und von den Ergebnissen ihrer Forschung teilweise wirtschaftlich profitieren. Dabei war mir die Kritik einiger skeptischer Blogger zu den Arbeiten Christopher Exleys auch eine Erwähnung wert. Insbesondere dazu, dass Exleys Arbeiten ein Verständnis für Chemie zwar anzumerken ist, dies aber bei Medizin (insbesondere Physiologie und Pharmakologie) nur sehr beschränkt der Fall ist. Ich bilde mir ein, bei Herrn Hirte damit eher auf Interesse, denn auf Ablehnung gestoßen zu sein.

Im Kinosaal trennten sich die Wege von Herrn Hirte und mir vorerst. Nachdem ich mit David Sieveking früher bereits sehr intensiv über seinen Film gestritten hatte, war ich gespannt, wie ich „Eingeimpft“ dieses Mal wahrnehmen würde. Ich war in der Tat mit vielen Teilen des Filmes versöhnt und konnte auch die Komik einiger Momente erkennen. Ich halte den Film zwar weiter für unglücklich, die Gründe sind ausführlich auf dieser Website dargelegt, gleichzeitig ist mir jetzt klarer, was die Intention dahinter war und kann sie an einigen Stellen auch wahrnehmen.

Interessant war, dass ich die Reaktion von „Jessica“, der stets besorgten Mutter, mittlerweile besser nachvollziehen konnte. Sie hatte ihre (wahrscheinlich infektiöse) Erkrankung am Tag nach der Impfung in der Schwangerschaft kausal auf eben diese zurückgeführt, ebenso die im Verlauf aufgetretenen vorzeitigen Wehen und die damit verbundene Angst, ihr Kind zu verlieren. Das mögen alles rational nicht begründete Zusammenhänge gewesen sein, als Glaubenssätze innerhalb eines Individuums sind sie aber nachvollziehbar und sehr mächtig. Wenn zusätzlich bereits im Vorfeld eine Impfskepsis bestand und die Reaktion der behandelnden MedizinerInnen nicht als ausreichend emphatisch wahrgenommen wurde, führt dieser Mix, beinahe verständlich zur ablehnenden Haltung gegenüber Impfungen. Der Post hoc ergo propter hoc-Fehlschluss, also der Trugschluss auf einen Sachzusammenhang aufgrund der zeitlichen Korrelation der Erkrankung mit der Impfung, tat noch das Seine. An dieser Stelle hätte eine im Bereich Impfungen gut ausgebildete Hebamme dem sinnvoll entgegenwirken und die Mutter beruhigen können. Leider hat die Hebamme im Film diese Rolle keineswegs übernommen, sondern mit Halb- und Falschwissen geglänzt und dem Ruf ihrer Profession und ihren KollegInnen damit keinen guten Dienst erwiesen.

Auch nach dieser Filmvorführung bestätigte sich offenbar die Erfahrung von David Sieveking, dass nicht nur die militanten Impfbefürworterterroristen wie ich seinen Film kritisieren, sondern auch Impfgegner. So durfte er einmal mehr an seinem Expertentisch gegenüber Menschen mit starker Meinung aus dem Publikum die Masernimpfung (bzw. MMR-Impfung) verteidigen. So wurde mir das zumindest zugetragen.

Um die Gelegenheit zu nutzen, mich mit einigen interessanten Menschen vor Ort zu unterhalten, verließ ich den Film vorzeitig und ging ins Forum. Dort sah ich Angelika Müller im Gespräch mit einem der späteren Podiumsteilnehmer. Da ich diesen gerne selbst kennenlernen wollte, stellte ich mich dazu und wartete. Einigermaßen unsicher was die Etikette in solchen Momenten betrifft, entschied ich mich, das Gespräch der beiden nicht zu unterbrechen. Als ich mein Telefon aus der Tasche holte, um eine Nachricht zu schreiben, fragte Frau Müller, ob ich sie „aufnehmen“ wolle, was ich verneinte. Sie widmete sich dann dem Gespräch, das noch einige Minuten dauerte. Währenddessen fiel mir ein Schild auf, welches sie als eine der ExpertInnen mit einem eigenen Tisch auswies. Das verwunderte mich ein wenig, da ich sie weder fachlich noch stilistisch in eine Liga mit Herrn Hirte oder Herrn Rabe einordnen würde.

Als der Rest des Publikums ebenfalls den Saal verließ, widmete sich Frau Müller ihrem Tisch. Es war mir ein Anliegen, Frau Müller selbst zuzuhören und so näherte ich mich ihrem Tisch, an dem sie sich bereits einem Gesprächspartner gefunden hatte. Als sie mich wahrnahm, blickte sie zu ihrem Gesprächspartner und forderte ihn auf, den Standort zu wechseln. Sie blieb einige Meter weiter stehen, so dass ich mich nicht mehr beteiligen konnte und ließ sowohl mich als auch ihren Tisch verwaist zurück. Nun, diese subtile nonverbale Botschaft kam an und da ich nicht die Absicht hatte, mich aufzudrängen, wechselte ich den Tisch und hörte Herrn Hirte zu. Der wirkte von den Fragen der ihn umringenden Damen etwas ermüdet und schien ihre Empörung zum einen oder anderen Thema nicht zu teilen. Leider ließ die Akustik eine genaue Wahrnehmung des Austausches nicht zu.

Auch Herr Soldner, Kinder- und Jugendarzt in München und tätig im Verein für individuelle Impfentscheidung, hatte einen Tisch und verkündete dort, die „frühe“ Tetanusimpfung habe einen Anteil von 8% Impfversagern. Da er jedoch später impfe, habe er nur 2% Impfversager. Diese Aussage machte mich etwas skeptisch, fragte ich mich doch, wie Herr Soldner solche Unterschiede feststellt. Dies wird durch Beobachtung in einer einzelnen Praxis wohl kaum möglich sein, zumal Tetanus nur noch selten vorkommt. Bliebe nur, dass er den Antikörper-Titer bestimmt hat (was bei mindestens 50 Kindern geschehen sein müsste, denn erst dabei entspräche ein Kind einer Rate von 2%). Leider hatte ich keine Gelegenheit, ihn dazu zu befragen.

Durch die hohe Anzahl an teilnehmenden ExpertInnen, eine schlechte Akustik und auch durch die der Situation geschuldeten sozialen Unsicherheiten ist es schwierig, die Aussagen der ExpertInnen aus der „Stehtischrunde“ fachlich einzuordnen – aber dafür war ich ohnehin nicht dort.

Im nächsten Teil werde ich meine Eindrücke von der Podiumsdiskussion schildern.


Autor: Dr. Jan Oude-Aost


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