In meinem letzten Text zum Buch  „Corona-Impfstoffe: Rettung oder Risiko?“ des Biologen Clemens Arvay hatte ich versucht, anhand einiger Beispiele darzulegen, dass Arvay nicht ausreichend qualifiziert ist, um ein Buch zum Thema Coronaimpfstoffe zu schreiben. In diesem Teil der Buchkritik werde ich versuchen, das erneut anhand weiterer Beispiele zu belegen. Diese fehlende Qualifikation merkt man dem Buch deutlich an. Das erwähne ich explizit, weil AutorInnen nicht unbedingt selbst eine umfassende Qualifikation in einem Fachgebiet benötigen, um ein solches angemessen korrekt darzustellen. Sie müssen jedoch die Aussagen von ExpertInnen korrekt wiedergeben und einordnen oder einordnen lassen. 

Ich hatte bereits gezeigt, wie Arvay sich Studien heraussucht, die seine Sicht der Dinge unterstützen und nannte das „Cherry Picking“. Ich vermute damit war ich fast zu großzügig. Je intensiver ich die Quellen des Buches prüfe, desto mehr wird mir klar, dass er oft einzelne Zitate der AutorInnen aus dem Zusammenhang reißt und in seinem Buch in einem anderen Zusammenhang zitiert. Ich nenne das “Cherry Picking Deluxe”. Ähnlich wird es in dem Buch mit Äußerungen von Experten gemacht. Im letzten Text schrieb ich von falschen Experten, in diesem geht es um “Falsch verstandene Experten”. In einem weiteren Teil dieses Textes werde ich unter “Nontext” erneut zeigen, dass Arvay medizinisches Wissen fehlt (oder er es nicht anwendet), um bestimmte, für sich genommen korrekte, Aussagen richtig einzuordnen.

Grundsätzlich muss man immer darauf achten, wann die Quellen entstanden sind, aus denen Arvay zitiert und ob es neuere Erkenntnisse gibt, die Arvay hätte einpflegen können, oder ob er den Wissensstand zum Redaktionsschluss wiedergibt. Arvay hat bis kurz vor Redaktionsschluss (18.01.2021) des Buches noch aktuelle Quellen eingearbeitet.

Cherry Picking Deluxe

Arvay scheint Covid-19 nicht für so gefährlich zu halten wie zum Beispiel die WHO oder das RKI. So ist es nicht verwunderlich, folgenden Satz in seinem Buch zu finden. 

„Ein wesentlicher Teil der Kreuzimmunität gegen SARS-CoV-2 basiert auf ihnen (i.e. T-Gedächtniszellen).“

Kreuzimmunität bedeutet, wenn jemand schon einen Schnupfen durch irgendein Coronavirus hatte, würden ihn die Antikörper gegen den Schnupfen auch gegen SARS-CoV-2 schützen. Auch wenn es diese Kreuzimmunität gäbe, änderte sich dadurch nichts an den Erkrankungs- und Todeszahlen, die wir ganz real seit einem Jahr sehen. Doch Arvay scheint mit der Behauptung von Kreuzimmunität zu versuchen, die möglichen Folgen der Pandemie als harmlos darzustellen:

„Ein (…) Experiment testete die Reaktion von menschlichen Immunzellen aus konservierten Blutproben (…) aus »Vor-Corona-Zeiten«. Dennoch wurde die zelluläre Immunantwort in 50 Prozent der Proben als geeignet bewertet, um den COVID-19-Erreger abzuwehren (4). Auch eine im Juli 2020 in Nature veröffentlichte Übersichtsarbeit kommt auf Basis der bisherigen Evidenzen zu dem Schluss, dass die in der Bevölkerung weltweit verbreitete Kreuzimmunität gegen SARS-CoV-2 vor allem auf T-Zellen beruht (5).“

Also alles halb so wild? Die Quelle 4 führt zu “Targets of T cell responses to SARS-CoV-2 coronavirus in humans with COVID-19 disease and unexposed individuals” von Juni 2020. In der Diskussion schreiben die AutorInnen, die (T-)zelluläre Antwort könnte für eine Kreuzimmunität einiger Individuen gegen SARS-CoV-2 sprechen. Da sie die T-zelluläre Antwort als Bedingung für eine Kreuzimmunität nennen, ist klar, dass allein die (T-)zelluläre Antwort nicht ausreicht, um von einer Kreuzimmunität zu sprechen. Ob die Ergebnisse der Studie den klinischen Verlauf von Covid-19 überhaupt beeinflussen, ist nicht klar. 

Quelle 5 Führt zu „Pre-existing immunity to SARS-CoV-2: the knowns and unknowns“. Dort schreiben die AutorInnen ebenfalls von T-Zell-Reaktivität, nicht von Kreuzimmunität. Gleich im ersten Satz der Studien schreiben die AutorInnen, dass sowohl die Ursache sowie die klinische Relevanz dieser T-Zell-Reaktivität unklar ist.

In der Diskussion schreiben sie, dass klar ist, dass es zu „einem gewissen Grad“ eine vorbestehende Immunreaktivität gegen SARS-CoV-2 gibt. Es wird spekuliert, dass diese von Erkältungscoronaviren stammen könnte. Das könnte, so die AutorInnen, Implikationen für Krankheitsschwere, Herdenimmunität, Impfstoffentwicklung haben, müsse jedoch noch durch Daten überprüft werden. Denn ein Problem zum damaligen Zeitpunkt war auch, dass es noch gar keine Möglichkeit gab, die klinischen Effekte zu testen. Das passt alles nicht zu den undifferenzierten Faktenbehauptungen von Arvay.

Gleichzeitig gibt es Studien, die nach Juli 2020 erschienen sind, und das Bild weiter verändern.

Im Oktober wurde “Cross-reactive memory T cells and herd immunity to SARS-CoV-2” in Nature veröffentlicht. Die AutorInnen schreiben, es gebe zwar immunologische „Szenarien“, in denen Kreuzreaktivität von T-Zellen die Schwere des Verlaufs von Covid-19 mildern könnte, aber auch Szenarien, in denen dies nicht der Fall sein könnte. Es gäbe sogar immunologische Szenarien, in denen eine Kreuzreaktivität zum Nachteil würde. Arvay hätte darauf bereits im Juli 2020 selbst kommen können. Er beschreibt in seinem Buch in der Diskussion um die Vektorimpfstoffe die Sorge vor „infektionsverstärkenden Antikörpern“ die bei bereits bestehender (Teil-) Immunität problematisch werden können. Zur Illustration von antikörperabhängiger Immunverstärkung verweist er auf  die Dengueimpfung. Ihm hätte somit klar sein müssen, dass eine bestehende Kreuzimmunität nicht einfach als möglicher bis wahrscheinlicher Vorteil in der Pandemie gesehen, sondern auch problematisch sein kann. In diesem Lichte betrachtet, wirken seine Kommentare zu dem Thema verharmlosend.

In der im September erschienen Studie “Immune response following infection with SARS‐CoV‐2 and other coronaviruses: A rapid review” schreiben die AutorInnen ebenfalls von gemischten Ergebnissen. Es scheint für die Kreuzimmunität wichtig zu sein, welches Oberflächenprotein von SARS-CoV-2 betrachtet wird. Bei einer natürlichen Infektion ist es Zufall, gegen welche Teile eines Virus Antikörper gebildet werden. Es kann Antikörper gegen das Virus geben, die keinen Effekt haben, Antikörper die das Virus vollständig behindern (neutralisierende Antikörper) und alles dazwischen. Eine Impfung bietet (u. a.) den Vorteil dass wir festlegen, wogegen genau Antikörper gebildet werden. Auf diese Feinheiten geht Arvay jedoch nicht ein. Stattdessen behauptet er, große Teile der Bevölkerung hätten Kreuzimmunität, die vor SARS-CoV-2 schützen würde.

Wir wissen einfach noch nicht, ob Kreuzimmunität einen relevanten Einfluss auf den Verlauf von Covid-19 hat, sowohl individuell als auch auf Bevölkerungsebene. Was wir sehen, sind nach wie vor allzu viele schwere Verläufe und Todesfälle, was offenbar kein allzu starkes Argument für einen nennenwerten Schutz vor Covid-19 durch Kreuzimmunität spricht . Diese Unsicherheit wird aus Arvays Aussagen jedoch nicht deutlich, sondern er suggeriert eine falsche Sicherheit.

Falsch verstandene Experten

Arvay kritisiert in seinem Buch ausführlich die „Teleskopierung“ der Impfstoffentwicklung. Dabei lässt er sich durch diverse Experten sekundieren. In meinem letzten Text hatte ich gezeigt, dass einige Experten die er nennt, gar keine sind. Doch er zitiert auch richtige Fachleute. Z. B. William A. Haseltine:

„Er schrieb im Juni 2020 in Scientific American: »Die Teleskopierung von Testabfolgen und Genehmigungen setzt uns alle einem unnötigen Risiko im Zusammenhang mit der Impfung aus. (…) Schon eine (…) Nebenwirkung pro 1000 Impfungen bedeutet bei 100 Millionen Menschen für 100.000 (…) einen Schaden (…). Solche Bedenken sind berechtigt.«

Der Immunologe Shibo Jiang schrieb in Nature über Corona-Impfstoffe u. a. :

»Beeilt euch nicht mit der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen COVID-19 ohne zuverlässige Sicherheitstests.« 

Arvay nutzt die Zitate auf zwei Arten: Er behauptet zum einen, Gegenstimmen hätten kaum Gehör gefunden. Das ergibt nur wenig Sinn, wenn man sich ansieht, in welchen stark verbreiteten Medien z. B. diese beiden Warnungen veröffentlicht wurden. Zum anderen versucht er, seine generell kritische Argumentation zu Corona-Impfstoffen mit den Aussagen der Experten aufzuwerten. Das kann nur gelingen, wenn man die beiden zitierten Experten falsch versteht. Denn sowohl Haseltine als auch Jiang sprechen sich aktuell für die Impfungen und ihren Nutzen aus.

Man kann sich die Frage stellen, warum einige Experten Mitte 2020 vor den Risiken einer teleskopierten Impfstoffentwicklung warnten, mittlerweile jedoch BefürworterInnen der zugelassenen Impfstoffe sind. Die Antwort lautet sehr wahrscheinlich: Donald Trump.

Wir sollten nicht vergessen, dass Trump nicht davor zurückschreckte, linientreue Personen in Behörden an Schlüsselstellen zu setzen. Bis zum Ende seiner Amtszeit ignorierte Trump den Nutzen nicht-pharmazeutischer Interventionen und glorifizierte Behandlungen sowie Impfungen. Noch im Wahlkampf versprach er, am 1. November (zwei Tage vor der US-Wahl) würde ein Impfstoff zugelassen sein. Das war zum damaligen Zeitpunkt allen Experten nach zu früh. Die Gefahr, dass tatsächlich ein Impfstoff im Rahmen einer politischen Agenda verfrüht zugelassen würde, war realistisch. Zu Beginn der Corona-Pandemie setzte die Trump Administration die FDA massiv unter Druck, so dass befürchtet wurde, Sicherheitsstandards könnten ignoriert werden. Wiederholt forderten ExpertInnen vor diesem Hintergrund, die Standards einzuhalten und warnten, nicht eingehaltene Sicherheitsstandards würden das Vertrauen in die Impfstoffe verringern. Damit hatten sie Erfolg. Ironischerweise werden jetzt von Autoren wie Arvay genau diese Warnungen genutzt, um das Vertrauen in den Impfstoff herabzusetzen. Erneut bestätigt sich die Weisheit: „There is no glory in prevention.“

Hier geht es zum dritten Teil dieser Buchkritik.


Autor: Dr. med. Jan Oude-Aost


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