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„Impfen Pro & Contra:
Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte
Eine Analyse von Dr. Jan Oude-Aost

 

18. Teil – “Nebenwirkungen von Impfungen”

 

Arzneimittel, die mehr schädliche Nebenwirkungen als heilende Wirkung haben, sind sinnlos oder sogar gefährlich. Darum ist es wichtig, die Nebenwirkungen zu kennen. Geimpft werden in der Regel gesunde Menschen. Der Nutzen sollte den möglichen Schaden nicht ein nur wenig überwiegen, sondern deutlich. Die Aufgabe, dies zu sicherzustellen, obliegt der STIKO. Hirte zweifelt die Bewertungen der STIKO an und versucht das in diesem Kapitel zu belegen.

“Zu jeder Impfaufklärung gehört auch die Information darüber, wie häufig und gefährlich die Krankheit ist, der man vorbeugen will. Krankheiten können ebenso wie Impfungen im schlimmsten Fall zu einer Katastrophe führen. Über die Risiken von Krankheiten sind wir allerdings wesentlich besser informiert als über die Komplikationen nach Impfungen.” (Seite 74)

Es gibt das Konzept der „False Balance“. Dabei wird zwei gegensätzlichen Positionen in einer Auseinandersetzung dasselbe Gewicht gegeben, obwohl sie nicht dieselbe Evidenz haben. Das Risiko, welches von Impfungen ausgeht, ist um Größenordnungen geringer als das das Risiko, welches von den Erkrankungen ausgeht. Man muss sich klar machen: Die Masernimpfung hat, was eine Enzephalitis angeht, ein 1.000mal geringeres Risiko als eine Infektion mit dem Erreger. Das ist das Verhältnis von einem Kilometer zu einem Meter. Natürlich ist das nur eine Analogie. Es soll jedoch zeigen, dass es faktisch das von Hirte behauptete Problem nicht gibt. Im Gegenteil. Wenn Ärzte Patienten unverhältnismäßig über Impfrisiken aufklären, handeln sie nicht fachlich korrekt.

“Impfstoffhersteller haben aus kommerziellen Gründen ein großes Interesse daran, Komplikationen von Krankheiten ins Licht zu rücken. Nicht selten wird deren Häufigkeit großzügig nach oben aufgerundet oder durch zweifelhafte statistische Methoden aufgebläht. In der öffentlichen Impfpromotion werden diese Zahlen dann verwendet, um die Umsetzung der Impfempfehlungen zu fördern.” (Seite 74)

Dieses Argument ist eine Wiederholung. Hirte nennt für seine schwerwiegende Behauptung keine Quellen. Das Argument ist darüber hinaus nicht logisch. Wenn es NUR um Geld ginge, hätten Pharmahersteller ein Interesse daran, dass möglichst viele Kinder möglichst schwer erkranken. Eine Rückkehr der sogenannten Kinderkrankheiten würde die Intensivstationen füllen und damit die Kassen. Der nächste logische Schritt dieser Argumentation wäre dann, dass Impfhersteller absichtlich Nebenwirkungen erzeugen. Mit dieser Behauptung immunisiert sich Hirte gegen Kritik, indem er dafür sorgt, dass seine LeserInnen offiziellen Quellen nicht mehr trauen.

“Über das Risiko und die genauen Entstehungsmechanismen von Impfkomplikationen ist kaum etwas bekannt – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass hierfür Forschungsgelder und -motivation fehlen.” (Seite 75)

Hirte greift allein in diesem Buch auf eine große Zahl von Studien zurück, die genau diese Frage untersuchen. Gardasil, die Rotavirusimpfung und die DTP-Impfung seien als einige Beispiele genannt.

“Genau dieses Unwissen wird jedoch als Argument für die Behauptung hergenommen, es gäbe solche Komplikationen gar nicht.” (Seite 75)

Diese Behauptung ist ein sogenannter Strohmann, weil niemand,  der sich damit auskennt, das behauptet. Diese Leute sprechen jedoch über die möglichen Komplikationen von Impfungen in einem Verhältnis, wie es dem Risiko adäquat ist.

“Als sich beispielsweise im Jahr 2003 die Fälle von Kindstod nach Sechsfachimpfstoffen häuften, empfahl die europäische Arzneimittelbehörde EMA die Beibehaltung der Impfpraxis mit dem Argument, es »fehlt eine Hypothese für einen biologisch plausiblen Pathomechanismus, der den beobachteten Fällen zugrunde liegen könnte«.” (Seite 75)

Hier wäre eine Quelle gut, so um diese Aussage überprüfen zu können.  Das PEI hat seinerseits sehr ausführlich dargelegt, warum die Empfehlung für den Impfstoff nicht zurückgezogen wurde. Eine Zusammenfassung des Vorganges findet sich in der Wikipedia. Zwei Gründe führten zur ersten Einschätzung, den Impfstoff weiter zu verwenden: Die Todesfälle nach der Impfung traten nicht häufiger auf als zu erwarten gewesen wäre. Das heißt, es sind so viele Kinder gestorben, wie auch ohne Verabreichung des Impfstoffes gestorben wären. Leider sterben Kinder, zum Teil auch, ohne dass ein Grund dafür gefunden werden kann. Aufgrund der sehr geringen Fallzahlen war der Beobachtungszeitraum zu kurz, um Abweichungen sicher bestimmen zu können. Der zweite Grund war eine fehlende biologische Möglichkeit, WIE der Impfstoff zum Tod hätte führen können. Die Kombination daraus, dass keine plausible biologische Hypothese zu einem Zusammenhang bestand und die Zahlen nicht über das erwartbare Maß erhöht waren, führte zu der Entscheidung, die Impfung weiterhin zu verabreichen, denn der positive Effekt der Impfung war belegt. Trotzdem wurde eine Untersuchung in Auftrag gegeben: Alle ungeklärten Todesfälle von Kindern unter 24 Monaten in Deutschland seit der Einführung des Impfstoffes sollten überprüft werden. Die TOKEN-Studie (die in diesem Text bereits besprochen wurde) kam zum Ergebnis, dass es keinen Zusammenhang gab. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Impfungen die Rate an plötzlichen Kindstod senken (1).

“Was die Erforschung von Impfnebenwirkungen vor der Zulassung eines Impfstoffs anbelangt, werden die Ärzte und vor allem die Patienten von Gesetzgebern und Zulassungsbehörden im Regen stehen gelassen. Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben für die Impfstoffhersteller, wie umfassend und detailliert sie die Risiken ihrer Impfstoffe untersuchen und dokumentieren müssen.” (Seite 75)

Es gibt den gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, ein Organ der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Dieser entscheidet, ob Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Der GBA hält sich in der Regel an die Empfehlungen der STIKO. Die STIKO zieht bei ihrer Beurteilung selbstverständlich auch Nebenwirkungen in Betracht. Es gibt gleichwohl auch Kritik an der STIKO, weil sie bestimmte Impfstoffe noch nicht empfiehlt, wenn die Mitglieder noch nicht genug Belege für einen Nutzen haben. Die Zulassung selbst ist davon nicht betroffen. Ein Impfstoff darf auch verwendet werden, wenn er nicht von der STIKO empfohlen wird. Allerdings müssen die gesetzlichen Krankenkassen diese Impfung dann nicht zahlen, weil der GBA sie nicht für die Erstattungsfähigkeit freigibt. Ob das, was Hirte fordert, von einem Gesetz geleistet werden kann, bezweifle ich, sind die Entscheidungen dafür doch oft zu komplex.

“Es ist auch keine abschließende Bewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses gefordert. Das hat zur Folge, dass praktisch alle Zulassungsstudien die lapidare Feststellung enthalten, der Impfstoff sei wirksam und sicher.” (Seite 75)

Eine „abschließende Bewertung“ wird von der STIKO vorgenommen. Das von Hirte hier aufgeworfene Problem ist eher theoretisch. Impfstoffe, die nicht von der STIKO empfohlen werden, dürften sich nur in Einzelfällen für Hersteller lohnen. Die meisten Menschen, die dieses Buch lesen, werden mit solchen Impfstoffen jedoch sehr selten in Kontakt kommen. Zugelassene Impfstoffe sind so sicher oder unsicher wie ein normales Medikament. Von der STIKO empfohlene Impfstoffe sind intensiv geprüft. Ein weiteres Problem mit Hirtes Argumentation ist, dass nur Impfstoffe zugelassen werden, die wirksam und sicher sind. Impfstoffe die unwirksam und/oder unsicher sind, werden nicht zugelassen. Daher erscheint diese Kritik nicht ganz durchdacht.

“Im Paragraph 25 Abs. 8 des deutschen Arzneimittelgesetzes heißt es: »Die zuständige Bundesoberbehörde erteilt die Zulassung entweder aufgrund der Prüfung der eingereichten Unterlagen oder aufgrund eigener Untersuchungen oder aufgrund der Beobachtung der Prüfungen des Herstellers.« Da wählen Behörden doch den einfachsten und billigsten Weg und entscheiden nach Aktenlage – also nach Durchsicht der eingereichten Impfstudien der Pharmaindustrie.” (Seite 75)

Was sollte man in der Forschung anderes prüfen als die Aktenlage? Man muss den Mitarbeiterinnen bei den Behörden ein hohes Maß an Unfähigkeit oder Gewissenlosigkeit unterstellen, um anzunehmen, dass dort leichtfertig mit den Entscheidungen zu Impfstoffen umgegangen wird.

“In den Studien, die die pharmazeutische Industrie für die Zulassung eines Impfstoffs vorlegt, werden die Nebenwirkungen durchweg als weniger häufig und bedrohlich dargestellt als die eventuellen Folgen der durch die Impfung verhüteten Krankheiten.” (Seite 76)

Auch das könnte daran liegen, dass nur die besagten Impfstoffe zugelassen werden? Die Studien mit Impfstoffen, die es nicht zum Markt geschafft haben, sehen wir nicht.

“Auch bei korrektem Vorgehen wären die üblichen Studien allein schon wegen der geringen Zahl von Probanden nicht in der Lage, seltene Impfnebenwirkungen zu erfassen. Komplikationen werden dort nur bemerkt, wenn sie bei mehr als einem von 500 bis 1000 Impflingen auftreten – also häufiger als die wirklich relevanten schweren Nebenwirkungen.” (Seite 76)

Das stimmt. Darum gibt es Nachbeobachtungen und Meldesysteme für Nebenwirkungen. Es ist sicherlich wünschenswert, die Daten der Nachbeobachtungen systematisiert zu erfassen und auf alle Medikamente auszuweiten, obgleich durch das bestehende System seltene Nebenwirkungen von Impfungen bereits erfasst werden.

“Ein objektives Problem bei allen Untersuchungen über Impfnebenwirkungen ist das Fehlen von ungeimpften Vergleichsgruppen. Die Ethikkommissionen sind der Ansicht, Studien mit Ungeimpften durchzuführen sei nicht zu verantworten. So werden neue Impfstoffe durchwegs gegen ältere Impfstoffe getestet, bestenfalls gegen Schein-Placebos, die die Zusatzstoffe enthalten. Daher ist völlig unbekannt, wie häufig Krampfanfälle, Allergien, Diabetes oder plötzlicher Kindstod vorkämen, wenn die Kinder nicht geimpft würden – wie bereits erwähnt: Es fehlt die Eichung.” (Seite 76/77)

Es gibt auch keine Eichung sauberes Wasser betreffend. Dass eine Studie, die sauberes Trinkwasser mit Regen-, Fluss- und Seewasser vergleicht, unethisch wäre, leuchtet hingegen jedem ein. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und klären, warum so eine Studie wahrscheinlich nie möglich sein wird. Um eine solche Studie auswertbar zu machen, müsste man die Teilnehmenden randomisieren (das R in RCT). Damit wird dafür gesorgt, dass man wirklich misst, was man messen will. Dürften sich bei einer Impfstudie die Teilnehmenden aussuchen, in welche Gruppe sie kommen, wären in der Gruppe mit den Ungeimpften wahrscheinlich Menschen mit eher höherem Einkommen, höherer Bildung und höherem Gesundheitsbewusstsein. In so einer Studie würde man also den Effekt von Einkommensunterschieden auf die Gesundheit messen. Die kennen wir aber schon. Darum muss man randomisieren. Man hat keinen Einfluss darauf, in welche Gruppe man kommt. Würden Sie aber das Risiko eingehen, dass Ihr Kind in eine Gruppe kommt, in der Sie Schaden erwarten? Teilnehmende für so eine Studie zu finden, wird kaum möglich sein. Darüber hinaus ergibt die Argumentation von Hirte nur Sinn, wenn man die vorhandenen Belege negiert. Menschen, die sich mit dem Thema auskennen, tun das nicht (in relevanter Weise).

“Autoimmunerkrankungen, Entwicklungsstörungen oder chronische neurologische und allergische Erkrankungen haben bis zu ihrem Ausbruch eine Vorlaufzeit von Monaten oder Jahren. Ihr möglicher Zusammenhang mit Impfungen könnte nur in Studien mit speziellem Design – zum Beispiel zehn bis zwanzig Jahre Beobachtungszeit, große Probandenzahl, ungeimpfte Vergleichsgruppe – aufgedeckt werden”. (Seite 77)

Das alles wird erforscht, Impfungen werden immer wieder in Überlegungen mit einbezogen. Was Hirte hier wiederholt, ist die Unterstellung, dass niemand etwas von Nebenwirkungen wissen will. Das entspricht nicht den Tatsachen.

Wir sitzen hier wieder der Logik auf, dass Impfungen einfach schaden müssen.

“Solche Studien wurden bisher nicht durchgeführt. Langzeitbeobachtungen im Tierversuch sind kein Ersatz, da viele Tiere resistent gegen Autoimmunkrankheiten, Diabetes oder andere chronische Erkrankungen sind (Classen 1999).” (Seite 77)

(Anm. JOA: In der Ausgabe 2018 ist die Quelle Classen 1999 entfernt

Classen verdient sein Geld mit Immuntherapien, die dort wirken sollen, wo Impfungen angeblich geschadet haben. Der Link, denn Hirte als Quelle angibt, verweist auf die Website von Classen, warum er keine belastbare Quelle ist, wurde im 11. Teil besprochen.

“Die Einschätzung des Komitees für Impfsicherheit der USA ist nach wie vor aktuell: »Während seiner Nachprüfung fand das Komitee viele Lücken und Mängel im Wissen über die Sicherheit von Impfstoffen. Hierzu zählen die ungenügende Kenntnis biologischer Mechanismen, die für Komplikationen nach natürlicher Infektion oder Impfung verantwortlich sind, ungenügende oder widersprüchliche Informationen aus Fallberichten und Fallserien, ungenügender Umfang oder Zeitraum vieler epidemiologischer Studien und zu begrenzte Kapazität der bestehenden Überwachungssysteme für Impfschäden, um überzeugende Beweise für die Ursache zu erbringen. Das Komitee fand nur wenige veröffentlichte experimentelle Studien im Vergleich zur Zahl der epidemiologischen Studien. Ohne Zweifel werden die Kenntnisse über Impfsicherheit auch weiterhin dürftig sein, wenn die Leistungsfähigkeit von Forschung und Lehre in diesem Bereich nicht verbessert wird« (Stratton 1994 (2).” (Seite 77/78)

Nachdem Hirte sich ausführlich dazu geäußert hat, dass es angeblich keine Forschung zu Impfungen und deren Risiko gibt, zitiert er eine regierungsnahe Kommission, die sich bereits 1994 genau diesen Fragen gewidmet hat. Eine Kommission, die von der Regierung eingesetzt wurde, um Impfungen sicherer zu machen. Sie hatte einen kritischen Blick auf das Prozedere zu werfen und somit ihre Aufgabe im Sinne aller erfüllt.

“Die Kosten von Impfnebenwirkungen durch Arzt- und Krankenhausbesuche, Arbeitsausfall und Entschädigung sind beträchtlich und in Kosten-Nutzen-Analysen bisher nicht berücksichtigt (Lieu 2000 (3).” (Seite 78)

Während Hirte bei den Windpocken kritisiert, dass auch Kosten in die Entscheidung der StIKO mit einbezogen wurden (die Kosten dafür, dass Eltern von Kindern mit Windpocken zur Betreuung zu Hause bleiben müssen), hält er Kosten von Nebenwirkungen für ein Argument gegen Impfungen. Lieu hat natürlich recht, wenn die Kosten für Nebenwirkungen zu hoch werden würden, müsste man das berücksichtigen. Gleichzeitig stellt auch Lieu den Nutzen von Impfungen nicht in Frage.

“In vielen Fällen wird vom behandelnden Arzt auch kein Zusammenhang zwischen Impfung und möglicher Nebenwirkung hergestellt.” (Seite 79)

An dieser Stelle gibt es natürlich ein logisches Problem: Wenn es keinen wissenschaftlichen Beleg für eine bestimmte Nebenwirkung (zum Beispiel Autismus) gibt, kann ich das auch nicht als Nebenwirkung in Betracht ziehen. Wenn ich jedoch diesen wissenschaftlichen Konsens nicht anerkenne, kann ich viele Erkrankungen als Nebenwirkungen betrachten, die keine sind. Wenn ich dann vielen „Impfnebenwirkungen“ entdecke und andere Kolleginnen nicht, kann ich diesen natürlich vorwerfen, einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Nebenwirkungen nicht zu erkennen.

“Die große Diskrepanz zwischen passiver Meldung und aktiver Überwachung zeigte sich beispielsweise nach Einführung eines neuen Grippeimpfstoffs in der Schweiz: Auf direkte Nachfrage bei Impfärzten ergaben sich 23-mal mehr Gesichtsnervenlähmungen, als vorher »passiv« gemeldet worden waren (Mutsch 2004 (4) ).” (Seite 79)

Die Existenz dieser Studie unterminiert erneut Hirtes Behauptung, niemand würde sich um Nebenwirkungen kümmern sowie die Behauptung, seltene Nebenwirkungen würden nicht erfasst. Von 10.000 Menschen haben 13 mehr eine „Gesichtsnervenlähmung“ erhalten als vorher. Obwohl doch Ärzte so schlecht melden sollen, ist das Signal trotzdem durchgekommen.

Streng genommen ist die Studie nicht geeignet, die Behauptung Hirtes zu belegen. Trotzdem weist Hirte hier auf ein reales Problem hin. Es gibt keine befriedigende systematische Erfassung von Nebenwirkungen von Medikamenten. Allerdings fehlt dafür wahrscheinlich auch die richtige Infrastruktur und das Einverständnis der Bevölkerung, diese Daten zentral sammeln zu lassen.

“Der britische Forscher T. Forsey zog aus diesem Missverhältnis die logische Schlussfolgerung, dass die Nebenwirkungsrate von Impfungen »von der Intensität abhängt, mit der versucht wird, solche Fälle zu finden« (Forsey 1994 (5).” (Seite 79)

Hirte beschreibt ein in der Medizin gängiges Phänomen: Wenn ich nach etwas suche, finde ich es auch. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Suche danach auch mehr Menschen hilft als schadet. Forsey 1994 führt zu einem Editoral, in dem er beschreibt, wie das Urabe-Impfvirus (Mumps, ein Lebendimpfstoff) vermehrt Gehirnhautentzündungen hervorruft, wie man das herausgefunden hat und dass die Erkrankungen seltener als beim Wildvirus auftritt und milder verläuft. Außerdem schreibt er über Probleme zur Unterscheidung einer Hirnhautentzündung, die durch ein Impfvirus ausgelöst wurde von einer Hirnhautentzündung, die durch ein Wildvirus ausgelöst wurde. Die konkrete Aussage wirkt in dem Zusammenhang fast banal:

“The rate of post-vaccination meningitis varies from study to study and probably depends on the intensity of efforts to find such cases.”

Dabei bezog er sich ganz konkret auf Studien, die Nebenwirkungen des Urabe-Impfvirus untersuchten. Nachdem klar war, dass dieser Virusstamm mehr Nebenwirkungen hat als ein anderer, wurde er gewechselt.

“Bisweilen weigern sich Impfärzte oder Krankenhausärzte trotz des Drängens Betroffener sogar, Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen zu melden. Die Strategie ist eindeutig: Durch die nicht erfolgte Meldung und Anerkennung von Impfnebenwirkungen sollen den Impfskeptikern und -gegnern die Argumente bereits an der Quelle entzogen werden. Da im Infektionsschutzgesetz Paragraph 73 das Unterlassen einer Meldung mit einer Strafe von bis zu 25000 Euro belegt ist, sind Betroffene in solchen Fällen nicht völlig wehrlos.” (Seite 80)

Hirte behauptet hier ohne jeden Beleg, ÄrztInnen riskierten eine Strafe von 25.000 Euro, damit die Gewinne der Pharmaindustrie nicht gefährdet werden. Dahinter steckt die grundsätzliche Annahme, Impfungen seien eigentlich schädlich und es gäbe genug KollegInnen, die sich an der Vertuschung dieser Tatsache beteiligen und Angehörige ignorieren. Die Möglichkeit, dass viele Impfnebenwirkungen keine sind, zieht Hirte nicht in Betracht. Ich will nicht ausschließen, dass es solche Fälle gibt, halte es jedoch für unrealistisch, dass ein System dahintersteckt. Ob die KollegInnen wissen, wie Hirte über sie denkt?

“In den Impfempfehlungen der STIKO heißt es: »Moderne Impfstoffe sind gut verträglich; bleibende unerwünschte gravierende Arzneimittelwirkungen (UAW) werden nur in sehr seltenen Fällen beobachtet« (EB 2011). Diese Verharmlosung verführt die Impfärzte dazu, eben nicht über relevante Risiken zu sprechen, die, so selten sie auch eintreten, für den Betroffenen bittere Konsequenzen haben können.” (Seite 80)

Auch diese Aussage ist eine Unterstellung an die Kolleginnen. Ohne eine große Verschwörung ist das so nicht möglich.

“Aus diesen Unwägbarkeiten heraus muss im Interesse der Sicherheit, aber auch der Akzeptanz von Impfmaßnahmen der Schluss gezogen werden, dass nach der Zulassung und massenhaften Anwendung von Impfstoffen eine aktive Überwachung dringend notwendig wäre (Po 2004 (6) ).” (Seite 80)

Die in Po 2004 genannten Zahlen (7) zeigen, dass wir schon auf einem guten Niveau sind, was die Überwachung von Impfstoffen angeht. Trotzdem gibt es Raum für Verbesserungen, diese sind jedoch nicht so dramatisch dafür das ganze Impfwesen Infrage zu stellen. Die Arbeit wurde im British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht und damit im medizinischen Mainstream. Hirte behauptet wiederholt, dort würde sich niemand für diese Fragen interessieren (8).

“Seit Juli 2012 werden auch in Deutschland die neuen Bestimmungen der europäischen Arzneimittelüberwachung umgesetzt: (…) auch Patienten sollen nun den Zulassungsbehörden Verdachtsfälle von Nebenwirkungen melden. Daran zeigt sich ein »verändertes Verständnis des informierten und kritischen Verbrauchers, der nunmehr auf die gleiche Ebene wie die Fachkreise gehoben wird und sich aktiv am Spontanerfassungssystem beteiligen soll« (Farzan 20119).” (Seite 81)

Das ist doch eine Verbesserung, widerspricht das nicht Hirtes Behauptungen?

“Dass dabei auch Einzelfälle von großer Bedeutung sind, wird dadurch deutlich, dass in der Vergangenheit bereits zwei Meldungen für die zuständige Bundesbehörde ausreichend waren, um ein Stufenplanverfahren einzuleiten.” (Seite 82)

Das klingt doch ganz vernünftig.

“Erst hartnäckiges Nachfragen und die Berufung auf das Gesetz zur Informationsfreiheit hatte die Behörden veranlasst, auf eine offenere Informationspolitik umzustellen (Tolzin 2006).” (Seite 83)

Im Sinne der Transparenz finde ich das tatsächlich sinnvoll.

“Häufen sich jedoch bestimmte Komplikationen nach bestimmten Impfstoffen, so kann dies ein »Alarmsignal« hervorrufen, das eigentlich weitere Untersuchungen durch das Paul-Ehrlich-Institut zur Folge haben sollte. Bisher führten solche »Signale« allerdings immer nur dazu, dass man sich nach Gesprächen mit den Impfstoffherstellern zu einer abwartenden Haltung entschloss.” (Seite 83)

Hirte nennt keine Quelle. Dafür nennt er in seinem Buch wiederholt Beispiele, die das widerlegen.

“Genaue Zahlen zu anerkannten Impfschäden, die zur Entschädigung führten, sind in Deutschland nicht zu bekommen, weil die Impfschadensregulierung Ländersache ist und Impfschäden bundesweit nicht erfasst werden. Die Länderbehörden veröffentlichen keine vollständigen Angaben.” (Seite 83)

Auch hier spricht Hirte einen aus meiner Sicht gerechtfertigten Kritikpunkt an.

“Ältere Angaben zu Impfschadensmeldungen veröffentlichte Gerhard Buchwald (1997): Zwischen 1972 und 1995 wurden demnach in Deutschland 18.141 Impfschadensanträge gestellt, das entspricht rund 750 Anträgen pro Jahr. Davon wurden 4.574 (= 26 Prozent, etwa 190 pro Jahr) anerkannt und 7.420 (= 40,9 Prozent) abgelehnt, die übrigen Anträge waren in der Schwebe oder hatten sich »erledigt«. Im Jahr 1995 waren in Deutschland etwa 2.400 »Schwerbehinderungen« als Impfschaden erfasst – viele davon infolge der inzwischen eingestellten Pocken- und Tuberkuloseimpfung.” (Seite 83)

Woher nahm Buchwald seine Zahlen? Viele der damals verabreichten Impfungen gibt es gar nicht mehr, wieso sind diese Zahlen dann relevant?

“Zwischen 1990 und 1999 wurden jährlich 200 bis 300 Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens gestellt, 389 (15 Prozent) wurden anerkannt und entschädigt, 60 Prozent aufgrund der inzwischen aufgegebenen Impfungen gegen Pocken, Tuberkulose und der Schluckimpfung (Meyer 2000 (10) ).” (Seite 83)

Auch hier sind Impfstoffe betroffen, die es heute nicht mehr gibt. Gleichzeitig nennt Hirte Zahlen einer Behörde, der er nicht viel zutraut?

“Das Wissensdefizit und die Vernebelungstaktik im Bereich der Impfnebenwirkungen dürften allmählich zu einem Risiko für die Akzeptanz der immer mehr ausufernden Impfprogramme werden. Sogar in den USA, dem Impfland Nummer eins, fordern Wissenschaftler offen einen patientenorientierten Zugang zum Impfvorgehen, das heißt vor jeder Impfmaßnahme eine Einschätzung des individuellen Risikos akuter und chronischer Impfnebenwirkungen: »Die ›sparsame‹ Praxis, Kontraindikationen gegen Impfungen anzuerkennen, widerspricht den Empfehlungen des Institute of Medicine, über alternative Impfpläne und -programme nachzudenken, die darauf abzielen, das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden von Impfungen zu verbessern … Die Verträglichkeit von Impfungen im Kindesalter kann durch ein patientenorientiertes Vorgehen verbessert werden, bei dem das Risiko des Einzelnen für akute und chronische Impfnebenwirkungen abgeschätzt wird und für Kinder mit hohem Risiko alternative Impfpläne erstellt werden« (Gallagher 2003 (11) ).” (Seite 84)

Es handelt sich bei Gallagher 2003 um einen Kommentar, der genau einmal zitiert wurde: nämlich von Hirte und Albonico, als diese sich in der Schweizerischen Ärztezeitung zu Impfungen äußerten und dort in großen Teilen widerlegt wurden. Gallagher veröffentlichte 2008 ein Paper über den angeblichen Zusammenhang von Autismus und Impfungen. Diese Studie wäre vom Studiendesign her nicht in der Lage, eine vernünftige Aussage zu treffen. Es wurden 33 Kinder mit Autismus eingeschlossen. 31 wurden in die Auswertung aufgenommen. Von den 31 waren 9 gegen Hepatitis-B geimpft. Abgesehen von der sehr geringen Zahl der Kinder mit Autismus war ein weiteres Problem, dass einige Kinder geboren waren, bevor der Hepatitis-B Impfstoff auf dem Markt war.

“Bei den Nebenwirkungen von Impfungen wird zwischen Impfreaktion, Impfkrankheit und Impfkomplikation unterschieden (Quast 1997)” (Seite 86)

Im Folgenden erklärt Hirte diese Begriffe, hält sich dabei aber nicht an Definitionen, die allgemein akzeptiert sind, sondern mischt eigene Behauptungen mit hinein.

“Bei einigen Impfreaktionen wie etwa beim schrillen Schreien, Krampfanfällen, Atemstillstand oder auch Todesfällen ist der Entstehungsmechanismus unbekannt.” (Seite 87)

Hirte vermischt hier verschiedene Kategorien und plötzlich ist der Tod eines Kindes eine „Impfreaktion“.

“Im Jahr 2004 veröffentlichte das Robert-Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin Nr. 6 »Hinweise für Ärzte zum Aufklärungsbedarf bei Schutzimpfungen«. Schwere Impfschäden wie Hirnentzündungen oder Autoimmunerkrankungen werden hier ausschließlich als »ungeklärt« oder »Hypothese« aufgeführt mit dem stereotypen Zusatz: »… ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung ist bei diesen Beobachtungen fraglich. Es könnte sich in der Mehrzahl dieser Einzelfallberichte um das zufällige zeitliche Zusammentreffen von miteinander nicht ursächlich verbundenen selbständigen Ereignissen handeln.«” (Seite 87)

Der Satz ist nur „stereotyp“, wenn man die dahinterstehende Argumentation nicht anerkennt. Hirte geht a priori davon aus, dass Impfungen schweren Schaden anrichten. Er geht auch a priori davon aus, dass das RKI von der Pharmaindustrie beeinflusst wird. Nichts, was das RKI sagt, wird ihn davon abbringen können, von seiner Meinung abzuweichen. Woher nimmt Hirte valide Daten, die seine Ansicht unterstützen?

“Nicht anerkannt oder entschädigt werden derzeit Krankheiten, bei denen nach Ansicht der Gesundheitsbehörden ein plausibler Zusammenhang mit einer Impfung fehlt: Diabetes mellitus nach Hib-, Keuchhusten-, Hepatitis-B- oder Mumpsimpfung, rheumatische Erkrankungen nach Hepatitis-B-Impfung, chronische Darmentzündungen nach Masernimpfung, Nervenschäden nach FSME- und Hepatitis-B-Impfung sowie Abwehrschwäche, Allergien und Autoimmunerkrankungen. Diese Krankheiten werden jedoch auch in der medizinischen Literatur immer wieder in Zusammenhang mit Impfungen gebracht. Daher gehe ich im Folgenden besonders auf sie ein.” (Seite 88)

Hirte fasst hier Behauptungen zusammen, die er in vorangegangenen Kapiteln immer wieder erwähnt hat. Durch den von ihm initiierten Zweifel an der StIKO wirken diese Behauptungen glaubwürdig. Hirte bewertet die gesamte wissenschaftliche Literatur zu Impfungen anders als Menschen, die in Institutionen arbeiten; die dafür da sind, sich damit zu befassen, um für unsere Gesundheit zu sorgen. Für diese Behauptungen bräuchte es viel Evidenz. Eine solche liefert Hirte nicht. Auch konkrete Verweise auf „medizinische Literatur“ fehlen. Gleichzeitig sei darauf hingewiesen, dass auch ein ausgeräumte Verdachtsfälle in der „medizinischen Literatur“ (was auch immer laut Hirte darunter fällt) zu finden sind.

In diesem Kapitel zitiert Hirte selektiv zum Thema Impfungen, um die Sicherheit derselben grundsätzlich in Zweifel zu ziehen und vor allem, um die Legitimität von Argumenten, die von öffentlichen Gesundheitsorganisationen vorgebracht werden, in Zweifel zu ziehen.


 

  1. Sudden infant death syndrome: no increased risk after immunisation; Vennemann MM1, Butterfass-Bahloul T, Jorch G, Brinkmann B, Findeisen M, Sauerland C, Bajanowski T, Mitchell EA; GeSID; Vaccine. 2007 Jan 4;25(2):336-40. Epub 2006 Aug 4.
  2. Stratton, K. R., et al., Institute of Medicine: Adverse events associated with childhood vaccines: evidence bearing on causality. National Academy Press, Washington, D. C., 1994
  3. The hidden costs of infant vaccination. ; Lieu, T. A., Black, S. B., Ray, G. T., Martin, K.E., Shinefield, H. R., Weniger, B. G.: Vaccine 2000, 10 (1): 33–41
  4. Use of the inactivated nasal influenza vaccine and the risk of Bell’s palsy in Switzerland; Mutsch, M., Zhou, W., Rhodes, P., Bopp, M., et al.; N Engl J Med 2004, 350 (9): 896–903 Nakajima,
  5. Mumps vaccines – current status; Forsey, T.; J Med Microbiol 1994, 41: 1f.
  6. Non-parenteral vaccines; Po, A. L.; BMJ 2004, 329 (7457): 62f.  
  7. Zitat aus Po 2004: A safety study of the Swiss influenza vaccine in 2000 identified Bell’s palsy as a possible adverse effect (9 in 3600 subjects studied). In the early postmarketing stage (October 2000 to March 2001), with about 90 000 vaccinated subjects, five cases were reported spontaneously.9 By April 2001, this had increased to 46. A subsequent case-control study estimated that in contrast to the parenteral vaccine, the intranasal formulation increased the risk of Bell’s palsy considerably (adjusted odds ratio 84, 95% confidence interval 20 to 352).7 It was estimated conservatively that 13 excess cases occurred per 10 000 subjects vaccinated. These figures show how inefficient spontaneous adverse reporting is for identifying even specific and severe adverse reactions.
  8. Zitat aus Po 2004: What lessons can then be learnt from those vaccine withdrawals? Firstly, all vaccines carry with them some risk of adverse effect that needs to be balanced against their potential benefits. Secondly, for diseases for which current safe alternatives are available, stricter validation should be required before marketing of alternative formulations, particularly when premarketing studies imply a substantial risk. Thirdly, postmarketing surveillance should be intense, given the limited premarketing testing of new vaccines. This could take the form of a mandatory register of all recipients until a sufficient number of vaccinated people has accrued to identify potentially serious adverse effects. Low reporting rates make spontaneous reporting inadequate. Manufacturers need to be asked to undertake more controlled monitoring as part of the grant of marketing authorisations. Access to case notes also needs to be improved. In the Swiss study the investigators were able to enrol only about a third of the identified cases.7 The crisis surrounding the vaccine for measles, mumps, and rubella (MMR) shows that consumers are intensely averse to risk, and the challenge for regulators and manufacturers is to restore confidence in vaccination. Both false alarms and postmarketing withdrawals of the vaccine make this more difficult. Fourthly, more research is required on the mechanisms by which poorly understood adverse effects of non-parenteral vaccines, such as Bell’s palsy and intussusception, develop. This will require funding, probably by charities and government agencies.
  9. Neue Pharmakovigilanz-Gesetzgebung in der EU.; Farzan, J.; Bulletin zur Arzneimittelsicherheit 2011, 3: 14–18
  10. Meyer, C., Rasch, G., et al.: Anerkannte Impfschäden in der Bundesrepublik Deutschland 1990–1999. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2000, 4: 364–370
  11. Parsimonious‘ versus patient-centered care: quality issues in childhood immunization.; Gallagher C; Journal for Healthcare Quality : Official Publication of the National Association for Healthcare Quality 01 Sep 2003, 25(5):28-35
  12. Schmitt, H. J. (Hg.): Alte und neue Impfstoffe in Deutschland – Grundlagen für künftige Entscheidungen. INFOMED, Berlin 2001b