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„Impfen Pro & Contra:
Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte
Eine Analyse

 

13. Teil – “Lebendimpfstoffe”

 

Hirte versucht, den Einsatz von Lebendimpfstoffen als riskant darzustellen. Schauen wir, ob er überzeugen kann. Das Kapitel ist in der Ausgabe 2018 überarbeitet worden, einige Quellen kommen hinzu.

(…) Einige Lebendimpfstoffe enthalten als Stabilisator Gelatine, vor allem die Sanofi-Produkte Varivax (Windpocken), MMR Vaxpro (Masern, Mumps und Röteln) und der Vierfachimpfstoff ProQuad. Gelatine ist ein Produkt aus Tierknochen und führt zu einer geringen, in seiner gesundheitlichen Bedeutung schwer einschätzbaren Belastung mit Glyphosat (Mitra 2016 15). (Seite 66/2018)

Zuerst muss ich die Frage stellen, warum Hirte einen Blog als Quelle nimmt und nicht die Originalarbeit (16). In der Originalarbeit haben die AutorInnen mit einem Schnelltest, der dafür gedacht ist, Wasser auf Glyphosat vorzuuntersuchen (Screenen), um dann eine genauere und teurere Methode zu nehmen, um das Ergebnis zu überprüfen (Link führt auf die Website von Monsanto, die Erklärung stimmt trotzdem). Screening Methoden müssen falsch positive Ergebnisse hervorbringen, sonst sind sie sinnlos. Falsch positiv bedeutet, der Test “sagt”: “Da ist etwas!”, obwohl dort nichts ist. Wenn das Ergebnis mit einer besseren Methode überprüft wird, sieht man dann, dass da “nichts ist”. Dieses Vorgehen verhindert, dass man etwas übersieht (das wäre dann falsch negativ). Dieser Schnelltest ist nur für Wasser geeignet, nicht für andere Substanzen. Bei anderen Substanzen ist das Risiko für falsch positive Befunde deutlich höher. Das Ergebnis ist damit nicht auswertbar. Und selbst wenn ihre Werte korrekt gewesen wären, wären sie wahrscheinlich kein Problem gewesen. Die Tatsache, dass beiden AutorInnen keine Expertise im Feld Biologie, geschweige denn Toxikologie haben, sei nur am Rand erwähnt.

„In der Vergangenheit gab es jedoch immer wieder Zwischenfälle durch Viren aus Lebendimpfstoffen. Bekannt wurden etwa die Gehirnhautentzündungen durch das Urabe-Mumpsvirus (Cizman 1989 (1) ) und die Impfpoliofälle durch die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung (Nkowande 1987 (2) ). Tragisch verlief auch die klinische Prüfung eines »verstärkten« Masernimpfstoffs in Afrika und Haiti, der zum Tod zahlreicher Säuglinge führte (Garenne 1991) (3) ).“ (Seite 57)

Cizman 1989 kommt trotz der selten auftretenden Nebenwirkung der aseptischen Meningitis (Gehirnhautentzündung) zum Ergebnis, dass der Nutzen der Impfungen die Risiken überwiegt. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass eine Infektion mit dem Mumpsvirus ebenfalls zu einer Meningitis führen kann, nämlich bei 3% – 15% der infizierten. Das steht einem Risiko von 1: 140 000 – 200 000 bei der Impfung gegenüber.

An Cizman 1989 kann man exemplarisch das in diesem Buch zu findende Vorgehen Hirtes zeigen. Zum einen nimmt Hirte an dieser Stelle eine Studie als Beleg seiner Ansichten zu Impfungen, obwohl deren Autoren zum gegenteiligen Ergebnis kommen. Er hält sich damit entweder für kompetenter als die Autoren, er weiß nicht, was in dem Paper eigentlich steht oder es ist ihm egal. Zum anderen widerspricht die Studie der oft wiederholten Behauptung Hirtes, Impfnebenwirkungen würden nicht erforscht. Das ist nicht die einzige Arbeit, die dieser Behauptung widerspricht. Ich schreibe das, weil ich denke, dass dieses Vorgehen sehr gut zeigt, dass „Impfen Pro & Contra“ ein weltanschaulich motiviertes Buch ist und kein wissenschaftlich motiviertes Buch, dem es um Aufklärung geht. In wissenschaftlich motivierten Texten werden Belege für eine gegenteilige Sicht mindestens erwähnt. In der Regel werden sie auch in einen Gesamtkontext gesetzt und besprochen. Für problematisch an “Impfen Pro & Contra” halte ich nicht nur, dass Hirte vom wissenschaftlichen Konsens abweicht. Das Problem ist vor allem die verzerrte Sicht auf den wissenschaftlichen Konsens, die Hirtes LeserInnen erhalten. In diesem Sinne ist das Buch antiaufklärerisch.

Zu den Fällen von Kinderlähmung nach Schluckimpfung (eine Lebendimpfung) sollte erwähnt werden, dass in Deutschland keine Schluckimpfung mehr verabreicht wird. Es gibt jedoch Teile der Welt, in denen noch Schluckimpfungen angewendet werden, entweder aus finanziellen oder aus logistischen Gründen (Kühlkette). Das Risiko eines Falles von Kinderlähmung nach Schluckimpfung beträgt laut Autoren der Studie 1:500.000 (6). Das bedeutet, in den 10 Jahren von 1973 – 1984 traten in den USA 105 Fälle auf. Doch um das zu wiederholen: Bei dem von der STIKO empfohlenen Impfstoff besteht dieses Risiko nicht, weil es ein Totimpfstoff ist!

In Garenne 1991 geht es um einen speziellen Impfstoff, für eine spezielle Region der Welt. Damit sollen hohe Titer (7) erzeugt werden, weil Masern dort noch sehr verbreitet sind (8). Bei Menschen, die diesen Impfstoff erhielten, trat jedoch eine erhöhte Gesamtmortalität auf. Deswegen wurde dieser Impfstoff als Vorsichtsmaßnahme nicht mehr empfohlen (9). Peter Aaby (10) forscht dazu und stellt die Hypothese auf, dass nicht der Impfstoff der Auslöser war, sondern ein Umweltfaktor. Das begründet er damit, dass die erhöhte Mortalität nicht in allen Studien vorhanden war und nur bei Mädchen auftrat (11) (12). In einer weiteren Studie 2016 konnte er zeigen, dass die negativen Effekte von einer Lebendimpfung aufgehoben wurden. Auch hier zitiert Hirte verkürzt und selektiv, um seine Ansichten untermauern zu können. Die Forschung von Aaby kennt er, denn dieser wird im Buch als Quelle angeführt, allerdings (einmal mehr) dort, wo er Hirtes Ansichten stützt.

„Lebendimpfstoffe werden zum Schutz vor bakterieller Verunreinigung mit Antibiotika wie Streptomycin oder Neomycin versetzt, die noch in den Impfstoffen nachweisbar sind. Bei empfindlichen Personen kann das zu allergischen Reaktionen führen.“ (Seite 57)

Hirte nennt keine Quellen. Er erläutert auch nicht, was er mit „nachweisbar“ meint. Mittlerweile kann man so geringe Mengen von Substanzen nachweisen, dass „nachweisbar“ weit entfernt von „biologisch wirksam“ ist. Wenn es konkrete Fälle von Unverträglichkeitsreaktionen gäbe, sollte Hirte eine Quelle für seine Behauptung nennen.

Hirte berichtet auf derselben Seite von der Verunreinigung eines Polioimpfstoffes mit dem SV-40 Virus („Affenvirus 40“). Dieses Virus stehe laut Hirte im Verdacht, diverse Tumorerkrankungen hervorzurufen. Dieser Zusammenhang konnte jedoch nicht nachgewiesen werden (was Hirte nicht schreibt). Hirte erwähnt auch, dass sich dieser Vorfall in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts abgespielt hat. Warum das für heutige Impfstoffe relevant sein soll, teilt er allerdings nicht mit.

Auch die weiteren Beispiele von Verunreinigungen, die Hirte nennt, sind heute nicht mehr aktuell. Daher habe ich die genannten Quellen nicht weiter verfolgt – mit einer Ausnahme:

„Beide Rotavirus-Impfstoffe sind mit den Schweineviren PCV-1 und PCV-2 kontaminiert, deren Bedeutung bei massenhafter Verabreichung an Säuglinge bisher nicht untersucht ist. »Viruskontaminierte Zellkulturen sind ein wesentliches Problem in der Bioindustrie« (Rivera 1993).“ (Seite 57)

Das ist geschickt – zumindest, wenn man Zweifel an der Unbedenklichkeit von Impfstoffen streuen will. Es waren keine „Viren“ in den Impfstoffen, sondern Fragmente von Viren. In einem Impfstoff waren es Fragmente von PCV-1, im anderen von PCV-2. Beides sind Viren, die Schweine infizieren. Als das bekannt wurde, wurde noch einmal die Unbedenklichkeit (die Infektionsfähigkeit) der Impfstoffe überprüft und verneint. Wie Hirte mit Zitaten umgeht und was er als Beleg für seine Ansichten nutzt, zeigt sich erneut an der Quelle Rivera 1993 (13). Er zitiert den ersten Satz aus einem Paper, in dem es um eine Methode geht, welche die Reinigung von Impfstoffen von solchen Partikeln verbessern soll (14). Das bedeutet allerdings nicht, dass vorher Impfstoffe regelhaft mit Viren(-Partikeln) kontaminiert waren. Es bedeutet, dass die Methoden zur Reinigung teuer und langsam waren. Im von Hirte angeführten Paper wird eine günstigere und schnellere Methode vorgestellt. Das Paper ist von 1993, zum Zeitpunkt seines Buches sind also zwei Jahrzehnte vergangen, in denen sich die Reinigung von Impfstoffen weiter entwickeln konnte. Ich habe den Eindruck, Hirte hat dieses Paper allein für die Verwendung des aus dem Zusammenhang gerissenen Zitates benutzt.

Bei der Verabreichung von Lebend- und Totimpfstoffen ist ein Abstand von mindestens vier Wochen empfehlenswert, und zwar in der Reihenfolge Totimpfstoff – Lebendimpfstoff. Geradezu gefährlich ist die Verabreichung der Masernimpfung gleichzeitig mit Kombinationsimpfstoffen gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten. Hier fand sich in Westafrika eine deutlich erhöhte Sterblichkeit vor allem bei geimpften Mädchen (Aaby 2010 (14) ). (Seite 67/2018)

In diesem Kapitel schreibt Hirte nicht viel Neues. Er kann jedoch das Misstrauen nutzen, welches er in vorherigen Kapiteln in Institution wie das PEI gesät hat, denn das sind die Institutionen, die Impfstoffe und deren Sicherheit untersuchen. Typisch für die Unredlichkeit in Hirtes Argumentation ist, dass er Aabys Forschungsergebnisse nicht anführt, obwohl uns Aaby an anderer Stelle in diesem Buch noch begegnen wird – dann, wenn er Hirtes Argumentation nützt.


 

    1. Cizman, M., et al.: Aseptic meningitis after vaccination against measles and mumps. Pediatric Infectious Disease Journal 1989, 8: 302–308
    2. Nkowande, B. M., et al.: Vaccine-associated paralytic poliomyelitis. J Am Med Assoc 1987, 257: 1351–1356
    3. Garenne, M., Leroy, O., Beau, J. P., Sene, I.: Child mortality after high-titre measles vaccines: prospective study in Senegal. Lancet 1991, 338 (8772): 903–907
    4. Fußnote entfernt
    5. Fußnote verschoben
    6. „From 1973 through 1984, there were 138 cases of paralytic poliomyelitis reported in the United States; 105 (76%) were vaccine associated. Of the 105 vaccine-associated cases, 35 occurred in recipients of oral polio vaccine (OPV), 50 in contacts to OPV recipients, 14 in immune deficient individuals, and six in individuals who had no history of receiving OPV or contact with recent OPV recipients. Thirty-three (94%) of the recipient cases, 41 (82%) of the contact cases, and five (36%) of the immune deficient cases were associated with the first dose of OPV. The overall frequency of vaccine-associated poliomyelitis was one case per 2.6 million doses distributed. However, the relative frequency of paralysis associated with the first dose in the OPV series was one case per 520 000 doses vs one case per 12.3 million subsequent doses. Vaccine-associated paralytic poliomyelitis is rare and the risks of OPV are small. The greatest likelihood of paralysis occurs in association with the first dose of OPV and that likelihood is reduced in subsequent doses more for recipients than for their contacts.“
    7. Titer bezeichnet vereinfacht gesagt ein Maß für die Anzahl von Antikörpern. Je höher der Titer, desto mehr Antikörper, desto besser der Impfschutz.
    8. Masernimpfstoffe schützen ziemlich gut aber nicht zu 100%. Wenn ein Impfstoff zu 95% schützt und genug Geimpfte oft genug Kontakt mit umgeimpften Menschen haben, steigt die Wahrscheinlichkeit der Übertragung. Darum hat man versucht, den Titer der Geimpften zu erhöhen.
    9. Auch das widerspricht Behauptungen Hirtes, Nebenwirkungen würden nicht erforscht bzw. ignoriert.
    10. Aaby wird von Hirte an anderer Stelle als Kronzeuge für die Schädlichkeit von Impfungen angeführt.
    11. Child mortality following standard, medium or high titre measles immunization in West Africa.Knudsen, Aaby et al. Int-J-Epidemiol. 1996 Jun; 25(3): 665-73 International-journal-of-epidemiology
    12. High-titer measles vaccination before 9 months of age and increased female mortality: do we have an explanation?; Aaby, Jensen et al.; Semin Pediatr Infect Dis. 2003 Jul;14(3):220-32.
    13. Rivera, E., Grönvik, K.O., Karlsson, K.A.: A new method for rapidly removing contaminating micro-organism from porcine parvovirus or pseudorabies virus master-seed suspensions. Vaccine 1993, 11 (3): 363ff.
    14. Virus-contaminated cell cultures are a major problem in the bio-industry. Methods employed to date to remove contaminating micro-organisms are slow and costly, and a new method is proposed here which is simple and rapid. The method uses polyacrylamide beads coated with specific antibodies which yielded bead-antibody-virus complexes when suspended in the virus solution to be cleared. The purified virus was propagated in cells which show phagocytic activity. Vaccine master-seed virus is shown to be rapidly cleaned and propagated using this method.
    15. Mitra, M.: Vaccine-glyphosate link exposed by Anthony Samsel. 31. August 2016. http://www.tonu.org/2016/08/31/vaccine-glyphosate-link (Zugriff 3.12.2017)
    16. Glyphosate pathways to modern diseases V: Amino acid analogue of glycine in diverse proteins; Anthony Samsel, Stephanie Seneff; Journal of Biological Physics and Chemistry · June 2016