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„Impfen Pro & Contra:
Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte
Eine Analyse von Dr. Jan Oude-Aost

 

Zwölfter Teil – I  -“Herstellung und Zusammensetzung von Impfstoffen”

 

In diesem Kapitel wird es anspruchsvoller, die Aussagen der Quellen zu hinterfragen. Darum teile ich das Kapitel in Unterthemen auf. In diesem ersten Teil geht es überwiegend um Thiomersal und ein wenig um Formaldehyd.

Hirte beginnt nun, sich zum eigentlichen Kern seines Buches vorarbeiten: „Warum sind Impfungen nicht so gut, wie “alle” behaupten?“ In diesem Kapitel werden uns zwei Menschen begegnen, deren Urteil äußerst fragwürdig ist und deren Vorgehensweisen und in einigen Fällen mangelnde Qualifikationen alleine schon ausreichen würden, entweder die wissenschaftlichen Fähigkeiten oder die Aufrichtigkeit Hirtes in Zweifel zu ziehen. Ob diese Annahme berechtigt ist, können Lesende am Ende dieses Kapitels entscheiden.

Formaldehyd

Hirte erwähnt als Inhaltsstoff einiger Impfstoffe Formaldehyd, welches als krebserregend (kanzerogen) gilt.

„Es handelt sich zwar nur um Mengen zwischen 5 und 100 Mikrogramm pro Impfdosis, aber immerhin ist Formaldehyd in der Arbeitsmedizin als krebsverursachender Stoff gelistet.“ (Seite 49)

Mit dieser Aussage endet das Unterkapitel „Totimpfstoffe“, ohne diese in einen Kontext einzuordnen. Das ist nicht unwesentlich, da die krebserregende Wirkung von Formaldehyd für den Fall belegt ist, dass es über lange Zeit wiederholt in hohen Konzentrationen eingeatmet wird. Der Effekt ist dosisabhängig: Je mehr und länger die Exposition, desto höher das Risiko für Krebserkrankungen der Luftwege.

Das ist in der Regel nur für bestimmte Berufsgruppen relevant. In Impfstoffen wird Formaldehyd in den Muskel injiziert und anders abgebaut als wenn es eingeatmet wird und dabei Schleimhäute schädigt. Auch finden Impfungen relativ selten statt. Darüber hinaus ist Formaldehyd ein normales Produkt des menschlichen Stoffwechsels und sogar in vielen Nahrungsmitteln natürlicherweise vorhanden. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, die Aufnahme von Formaldehyd möglichst gering zu halten. Die geringen Dosen, die in Impfungen enthalten sind, stellen jedoch keinen Grund dar, sich nicht impfen zu lassen. Wäre das in einer Impfdosis enthaltene Formaldehyd tatsächlich gefährlich, dann würden es in den Impfstoffen keine Verwendung mehr finden. Ich zitiere an dieser Stelle die Wikipedia:

In der Natur kommt Formaldehyd zum Beispiel in Säugetierzellen beim normalen Stoffwechsel als Zwischenprodukt vor: Im Menschen werden auf diese Weise pro Tag etwa 50 Gramm gebildet und abgebaut. Menschen atmen ca. 0,001 bis 0,01 mg/m3 Formaldehyd aus, dabei besteht kein signifikanter Unterschied bei Rauchern oder Nichtrauchern. Das Blut von Säugetieren enthält pro Liter ständig zwei bis drei Milligramm Formaldehyd.

Zu Formaldehyd in Impfstoffen schreibt das Paul Ehrlich Institut:

Das Europäische Arzneibuch begrenzt den Restgehalt an Formaldehyd in Impfstoffen auf 0,2 g/l, das entspricht einer Konzentration von 0,02%. Bedenkt man, dass die meisten Impfstoffe noch deutlich unter dieser erlaubten Konzentration liegen (…).

Hätte eine Impfung ein Volumen von 10ml (das Volumen liegt tatsächlich eher bei ca. 1ml aber so kann mir niemand Untertreibung unterstellen), wäre in einer Impfung maximal 0,002g (2mg), enthalten. Hirte schreibt von Mengen, die zwanzigmal (!) geringer sind und damit weit unterhalb empfohlener Grenzwerte liegen, die in der Regel ihrerseits noch einen “Sicherheitspuffer” haben. Formaldehyd in Impfungen stellt kein gesundheitliches Problem dar, was sowohl nach theoretischen Überlegungen zu erwarten als auch empirisch belegt ist.

Thiomersal

Als nächstes behandelt Hirte den Inhaltsstoff Thiomersal. Dies ist eine Quecksilberverbindung, die bis Anfang der 2000er Jahre vielen Impfstoffen hinzugefügt wurde, um zu verhindern, dass Bakterien darin wachsen. Thiomersal (es handelt sich dabei um Ethylquecksilber) ist eine Substanz, die über die Nieren sehr schnell wieder aus dem Körper ausgeschieden wird und in der verabreichten Dosis keine relevanten Nebenwirkungen hat und nicht lange im Körper verbleibt. Schwere Nervenschäden werden durch Methylquecksilber hervorgerufen – nicht durch Ethylquecksilber. Dieser kleine Unterschied – im Wort nur ein Buchstabe – ist aus chemischer und biologischer Sicht entscheidend: Chlorwasserstoff (HCl) würde ich niemals freiwillig vernebelt einatmen, Natriumchlorid (NaCl) hingegen ohne Bedenken. Elementares Chlor als Gas hingegen wurde (und wird) als chemische Waffe eingesetzt. Es ist also nicht unerheblich, in welcher Form ein Element dem Körper zugeführt und von ihm aufgenommen wird.

„Er (Anm. JOA: Der Zusatzstoff Thiomersal) besteht zu etwa 50 Prozent aus Quecksilber und wurde seit den dreißiger Jahren eingesetzt, um das Wachstum von Bakterien oder Pilzen in Impfstoffen zu verhindern.“ (Seite 49)

Hirte nennt keine Quelle für diese Aussage und ihre Bedeutung bleibt unklar. Was sollen die „50%“ bedeuten? Quecksilber ist eines von 23 Atomen im Molekül Thiomersal. Die 50% könnten sich auf die Masse des Moleküls beziehen: Da Quecksilber eine hohe Atommasse hat, wäre seine Aussage diesbezüglich korrekt. Ob die Atommasse im Kontext von Hirtes Besprechung eine Relevanz hat, übersteigt meine Kenntnisse, es läge in der Verantwortung Hirtes, seinen Lesenden mitzuteilen, warum das relevant sein soll.

„Es entfaltet allergisierende, hormonartige und erbgutschädigende Wirkung und steht auch unter dem Verdacht, Krebs auszulösen.“ (Seite 49)

Hirte nennt für diese schwerwiegende Aussage keine Quelle, ich ignoriere sie daher aus Effizienzgründen.

„Im Jahr 1997 wurde in den USA von offizieller Stelle erklärt, dass das Thiomersal in Impfstoffen bei Kindern in den ersten sechs Lebensmonaten zu einer nicht hinnehmbaren Quecksilberbelastung führt. Es würden die in den USA gültigen Höchstmengen überschritten, oberhalb deren mit negativen Folgen für die neurologische Entwicklung gerechnet werden müsse (CDC 1999).“ (Seite 50)

Die Aussage ist in dieser Form falsch. Das Center for Disease Control (CDC) hatte explizit erklärt, dass bei der Menge Thiomersal, die in Impfstoffen vorhanden war, nicht mit Folgen zu rechnen sei. Es wurde auch gesagt, dass die Risiken, durch Unterlassen von Impfungen die eventuell möglichen Risiken von Thiomersal deutlich überschreiten. Trotzdem wurde vorsichtshalber dafür gestimmt, Thiomersal aus Impfstoffen zu entfernen. Diese Tatsache wird von Impfgegner gelegentlich als Schuldeingeständnis der Behörden interpretiert.

Das CDC zieht hier lediglich die Grenzwerte für Methylquecksilber als Größenordnungsvergleich heran, um die mengenmäßig denkbare Belastung mit Thiomersal bei Kindern in den ersten sechs Lebensmonaten zu beschreiben. Hirte interpretiert diese Aussage falsch, wenn er dem CDC die Aussage zuschreibt, Thiomersal in Impfstoffen würde bei Kindern in den ersten sechs Lebensmonaten zu einer nicht hinnehmbaren Quecksilberbelastung führen. Dies hat das CDC weder gesagt noch gemeint. Thiomersal ist Ethylquecksilber und wird nicht akkumuliert, sondern abgebaut. Das CDC will mit dem Vergleich wahrscheinlich seine Motivation illustrieren,, weshalb es sich überhaupt so intensiv mit Thiomersal befasst.

„Möglicherweise gibt es bei bestimmten Menschen eine besondere Empfänglichkeit für Schäden durch Thiomersal. Bei Mäusen mit einer genetischen Neigung zu Autoimmunerkrankungen führt Thiomersal bereits in kleinsten Dosen zu nachweisbaren Schäden im Nieren- und Nervengewebe, Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten (Hornig 2004, Havarinasab 2006).“ (Seite 50)

In Hornig 2004 wurden in Gehirnen von Mäusen nach der Gabe von Thiomersal Veränderungen gefunden, wie sie auch durch Autoimmunerkrankungen hervorgerufen werden können. Das wurde als Beleg dafür angeführt, dass Thiomersal Autismus auslösen könne. Bei Kindern mit Autismus finden sich jedoch keine solchen Hirnveränderungen. Wie relevant das Mausmodel bei Autismus für Menschen ist, ist fraglich. Die Ergebnisse konnten 2006 nicht repliziert werden (1).

„Dennoch ist es »kein ideales Konservierungsmittel« (Geier 2010b), denn in der medizinischen Literatur gibt es Hinweise darauf, dass es Nervenzellen schädigen kann: »Wir diskutierten die Möglichkeit, dass 2-Phenoxyethanol auch ein neurotoxisches Potential besitzt, eine Schlussfolgerung, die angesichts der von uns und anderen veröffentlichten Daten sicher völlig gerechtfertigt ist« (Mußhoff 1999). Auch allergische Hautreaktionen durch Phenoxyethanol sind beschrieben (Vogt 1998, Heidary 2005). Bisher gibt es keine Langzeituntersuchungen zu dieser Substanz.“ (Seite 50)

Erneut führt Hirte eine Quelle an, ohne die Ergebnisse anderer Quellen zu diskutieren, in der die Aussage „seiner“ Quelle angezweifelt (oder widerlegt) wird. So wurde auf die zitierte Arbeit von Mußhoff im Jahr 2000 (12 Jahre vor der ersten Auflage von Hirtes Buch) eine Antwort von Toxikologen veröffentlicht. Darin werden die Schlussfolgerungen Mußhoffs in Zweifel gezogen. In dieser Antwort steht ein heute geradezu prophetisch anmutender Absatz:

„Wir sind gerade Zeugen einer Phase der Toxikologie, in der innerhalb der Öffentlichkeit wie der Politik ein hohes Maß an Unsicherheit erzeugt wird und verantwortliche Behörden die fragwürdige Ergebnisse durch nicht validierte Methoden, zweifelhafte Studienmethoden ohne Reproduktion, unzulässigen Extrapolationen von in vitro Untersuchungen auf in vivo Bedingungen etc. erhalten. Aus diesem Grund ist der verantwortliche Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen heutzutage zwingend notwendig, insbesondere wenn ganze Klassen von Industrieprodukten betroffen sind, welche von Konsumenten verwendet werden (2).“ (Übersetzung aus dem Englischen durch mich)

Als Thiomersal in den 1930er Jahren als Bestandteil von Impfstoffen eingeführt wurde, erfüllte es den Zweck, dass sich keine Bakterien in Impfstoffen vermehren und löste seinerzeit das wirklich problematische Phenol ab (Quelle: PEI). Tragischerweise sind vor dem Einsatz von Thiomersal tatsächlich Menschen nach Impfungen an bakteriellen Infektionen gestorben. Durch weitgehend unberechtigte Ängste wurde dieses erprobte, wirksame und sichere Konservierungsmittel ohne wissenschaftlich plausiblen Grund aus Impfstoffen entfernt und durch ein anderes Konservierungsmittel ersetzt. Dafür haben Menschen gesorgt, die mit viel öffentlichem Getöse Ängste geschürt haben und die Behörden zum Handeln zwangen, um weiteren Schaden in der öffentlichen Wahrnehmung zu vermeiden.

Den für mich zentralen Absatz zu Thiomersal habe ich, entgegen der Reihenfolge im Buch, etwas verschoben. Die Personen, deren Forschung Hirte hier als Quelle angibt, lohnen einer näheren Betrachtung.

„Amerikanische Forscher errechneten bei Kindern, die mit Thiomersal-haltigen Impfstoffen geimpft wurden, das Risiko für geistige Entwicklungsverzögerung und Autismus auf das mehr als Sechsfache, das für Sprachentwicklungsverzögerung auf das mehr als Doppelte (Geier 2003, 2005a). Durch seine Störwirkung auf das Hormonsystem kann Thiomersal dosisabhängig auch den Zeitpunkt der Pubertät nach vorn verschieben (Geier 2010b).“ (Seite 50)

An dieser Stelle halte ich es für notwendig, nicht die Aussagen selbst zu hinterfragen (die nicht unabhängig repliziert oder bereits widerlegt sind), sondern die Personen, von denen sie stammen: Mark Geier und sein Sohn David Geier. Mark Geier war Arzt und professioneller Sachverständiger in vielen Prozessen über Impfschäden. Mittlerweile ist er als Sachverständiger nicht mehr zugelassen, weil es ihm nach Aussage von RichterInnen und WissenschaftlerInnen an Sachverstand fehlt. Außerdem hat Mark Geier seine medizinische Lizenz verloren, weil er u. a. Autismus“therapien“ angeboten hatte, die nicht wirkungslos, sondern gefährlich waren. Seiner „Chelattherapie“ werden Todesfälle bei Kindern zugeschrieben. Im Rahmen einer dieser „Therapien“ wurden Kinder zum Beispiel chemisch kastriert. Das mag drastisch erscheinen, ergibt aber Sinn, wenn man, wie Geier, eine entsprechende Störungshypothese hat, in der Thiomersal und Testosteron eine Rolle spielen. Da diese Hypothese weder belegt, noch wissenschaftlich plausibel ist, erübrigt sich eine nähere Erörterung. Daher widme ich mich dem zweiten Autoren (3).

Der Sohn, David Geier war nie Arzt und hatte ebenfalls juristische Probleme, weil er ohne entsprechende Lizenz Menschen „therapiert“ hatte. Mark und David Geier hatten aufgrund ihrer angebotenen „Therapien“ ein Interesse daran, dass Thiomersal als schädlich eingestuft wird, um die eigenen Therapien zu legitimieren. Auch hier liegt somit ein handfester Interessenkonflikt vor, den Hirte an anderer Stelle selbst kritisiert, jedoch an dieser Stelle nicht offenlegt. Geiers wissenschaftliche Arbeit, inklusive der von Hirte zitierten Quellen, wurden in der Luft zerrissen. In einigen seiner Arbeiten gab Geier an, seine Experimente seien von einer Ethikkommission abgesegnet. Diese “Ethikkommission” bestand aus seinem Sohn, seiner Ehefrau, einem Geschäftspartner sowie einem Anwalt, der Menschen mit mutmaßlichen Impfschäden vertrat und ihm selbst.

Hirte nutzt hier Arbeiten von Menschen als Quelle, die Interessenkonflikte haben, nicht qualifiziert sind, deren wissenschaftliche Arbeiten widerlegt sowie ethisch fragwürdig zustande gekommen sind unter und die „Therapien“ ohne jeden Beleg propagierten, unter denen Kinder ihr Leben verloren haben. Die LeserInnen erfahren davon nichts. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Hirtes Buch u. a. wegen der zahlreichen Quellen vielen Menschen als „wissenschaftliches Standardwerk“ zum Thema Impfen gilt.


  1. Das klingt zwar wenig relevant, ist aber entscheidend. Wenn Ergebnisse eines Experiments nicht unabhängig wiederholt werden können, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um zufällige Ergebnisse handelt, die nicht stimmen. Dieser Ansicht ist übrigens auch Herr Hirte dann, wenn es um Impfstoffe geht.
  2. „At the moment, we are witnesses to a stage in the history of toxicology in which a high degree of uncertainty is generated in the general public as well as  among the politicians and authorities in charge by questionable results obtained with non-validated methods, dubious study approaches without reproducibility, inadmissible extrapolation of in vitro investigations to in vivo conditions, etc. Responsible handling of scientific findings (even if they are probably reproducible as in the present case) is therefore absolutely imperative today, especially when whole classes of industrial products of enormous importance which reach the end consumer are affected“.
  3. Details finden sich in dem Buch ‚Autism’s false prophets : bad science, risky medicine, and the search for a cure‘ / Paul A. Offit. (2008)