Die Impfungen gegen Covid-19 haben begonnen. Es geht nicht schnell genug, die Verteilung ist nicht ideal und Millionen Menschen auf der Welt haben längst ihr Leben frühzeitig verloren. Und trotzdem lohnt es, sich kurz vor Augen zu halten, in was für einer Zeit wir leben. Vor etwas über einem Jahr hatte noch „niemand“ von Covid-19 gehört. Vor etwas weniger als einem Jahr hat kaum jemand in Deutschland Covid-19 als Gefahr ernst genommen. Und noch vor Ende des Jahres 2019 – das deshalb namensgebend für das Virus wurde – hatten WissenschaftlerInnen den Erreger als neuartiges Virus erkannt, es klassifiziert und das Erbgut des Virus entschlüsselt und veröffentlicht, die für das Spikeprotein kodierende Sequenz isoliert und damit die Grundlage für eine Impfstoffentwicklung geschaffen. Am längsten hat nicht die Entwicklung als solche gedauert, sondern Testung, Produktion und regulative Prozesse. Und weil wir jetzt den ersten mRNA-Impfstoff zugelassen haben, was einen gewaltigen Innovationssprung beim Kampf gegen Viruserkrankungen darstellt, können wir in Zukunft NOCH schneller auf Viren reagieren. Um Mutationen des Virus schnell erkennen und ggf. reagieren zu können, wird die Sequenzierung aufgrund der Testungen auf das Virus systematisch ausgeweitet. Ich kann nicht verstehen, wie man diese Entwicklung nicht staunend betrachten kann.

Die Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung (ÄII) schaffen das allerdings locker. In einer Stellungnahme wiederholen sie ihre uralte Kritik an der Entwicklung des Impfstoffes. Weil die Impfstoffe auf neuen Technologien beruhen, benötige man „eine besonders gründliche und längerfristige Beobachtungsphase (…), um unerwünschte Arzneiwirkungen zuverlässig zu erfassen.“ Diese Forderung stellen die ÄII allerdings für jeden Impfstoff. Egal wie sehr er sich bewährt hat, egal wie gut er untersucht ist. Den ÄII geht es nie weit genug. Wenn der Impfstoff nach den Vorstellungen der ÄII getestet würde, wäre vermutlich natürlich Herdenimmunität entstanden – mit Millionen Verstorbenen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir müssen die Impfstoffe vernünftig testen und auch nach Zulassung weiter beobachten, ob seltene oder späte Nebenwirkungen auftreten. Da das in der Vergangenheit jedoch mit den Vorabtestungen und der Suveillance (der intensiven Nachbeobachtung nach Zulassung) auch funktioniert hat, bin ich in dieser Hinsicht einigermaßen entspannt. Nie wäre ein Impfstoff wohl überhaupt eingeführt worden, wäre man nach den “Prinzipien” der ÄII vorgegangen.

Unentspannt sind hingegen die ÄII, wenn sie eindringlich davor warnen, einen „möglichen Impfstoff zum zentralen Lösungsansatz zu machen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen“. Auch das schreiben sie in ihrer Stellungnahme. Damit sind sie zwar aktuell nicht ganz weit von der Aussage von Dr. Fauci entfernt, der auch davor warnte, sich allein auf einen Impfstoff zu verlassen, wenn es um die Eindämmung von Covid-19 ginge. Er sagte, wenn zu viele Menschen infiziert seien, hätte es ein Impfstoff schwerer, seine Wirkung in der Bevölkerung zu zeigen. Er verglich das mit einem Gartenschlauch, mit dem man ein Feuer löscht: Wenn das Feuer klein ist, kann man es schnell mit dem Gartenschlauch löschen. Je größer es wird, desto länger dauert es, bis das Feuer aus ist. Da hat er wohl recht – es kann nicht das Ziel sein, mit stoischer Gelassenheit auf einen Impfstoff zu warten und sich ansonsten dem Fatalismus zu ergeben, statt alle Möglichkeiten zur Eindämmung der Infektionen zu ergreifen, die halbwegs sinnvoll und vielversprechend erscheinen. Darum war und ist es wichtig, weiter mit nichtmedikamentösen Interventionen die Infektionszahlen zu drücken (z. B. AHA-Regeln). Wenn wir in diesem Frühjahr die Infektionszahlen genug gedrückt haben,  das Impfen logistisch aus dem Klee kommt und sich ausreichend Menschen impfen lassen, besteht die Möglichkeit, an Heiligabend 2021 mit Oma und Opa unterm Baum zu sitzen und gemeinsam zur Besinnung zu kommen. Wenn die Kinder im Bett sind.

Nun wäre es ja nicht mehr als konsequent, von Seiten so heftiger Grundsatzkritiker an der Impfung wie der ÄII und ihrem Umfeld jedenfalls alle nichtmedikamentösen Optionen zur Eindämmung der Infektionszahlen zu propagieren. Diese sind bei den ÄII sonst durchaus sehr beliebt. In Corona-Zeiten offenbar nicht. In einer Stellungnahme aus dem September 2020 sprechen sich Martin Hirte und Steffen Rabe in ihrer Funktion als Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin gegen das Tragen von Alltagsmasken in der Schule aus. Da ich finde, dass das Dokument nicht gut genug gealtert ist, um es in die reine Historie zu verbannen, möchte ich daraus ausführlich zitieren.

„Mittlerweile wissen wir, dass die Gefährlichkeit des Coronavirus SARS CoV2 für die Gesamtbevölkerung zu Beginn der Pandemie wesentlich überschätzt wurde. Die Erkrankungs- und Sterberaten sind in Deutschland ebenso wie in anderen europäischen Ländern auf nahe Null abgesunken und bleiben dort – auch in Regionen ohne strenge Containment-Maßnahmen.“

Mit diesen Regionen könnte Sachsen gemeint sein, wo es im September oberflächlich noch gut aussah. Doch offenbar begann der katastrophale Verlauf in meiner Heimat bereits im Juli. Da hätten ein paar „Containment-Maßnahmen“ sicher geholfen, es nicht zur jetzigen Lage kommen zu lassen, waren politisch aber wohl nicht durchsetzbar – und von den Herren Hirte und Rabe auch für gänzlich überflüssig gehalten.

Das nur am Rande. Im Kern sprechen sich Hirte und Rabe gegen Hygienemaßnahmen in der Schule aus und verlassen bei der Begründung ihrer Ablehnung so sehr ihr Fachgebiet, dass sie auf einem anderen Planeten landen. Leider auf dem falschen.

„Gemäß des Rahmenhygieneplans sind von den Schülern unter anderem zu beachten:

– das Berühren von Augen, Nase und Mund zu vermeiden,
– auf Körperkontakt (z. B. persönliche Berührungen, Umarmungen, Händeschütteln) zu verzichten,
– einen Mindestabstand von 1,5 m einzuhalten.“

Diese Maßnahmen lehnen sie im folgenden Absatz als unzumutbar ab. Nun mag es, sein, dass die beiden Kollegen im Berufsalltag nur besonders zarte Exemplare junger Homo Sapiens sehen und sich darum solche stark ausgeprägten Sorgen machen.

„Unbewusste Gesten wie das Berühren des eigenen Gesichtes sind schon für Erwachsene kaum zu kontrollieren6 – ihr Verbot führt bei Kindern, denen diese Kontrolle noch schwerer fällt, zwangsläufig zu Schuld- und Versagensgefühlen. Die verordneten Verhaltensmaßregeln bremsen Kinder in den ihnen ureigensten zwischenmenschlichen Interaktionen und in ihrer sozialen Entwicklung und bringen sie – da sie ihren natürlichen Entwicklungsbedürfnissen diametral entgegenstehen – zwangsläufig in schwere psychische und soziale Konflikte. In letzter Konsequenz nehmen sie den Kindern ihre Würde.“

Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht. Ich möchte natürlich nicht die Herausforderungen klein reden, vor denen SchülerInnen und LehrerInnen sowie Eltern standen und stehen. Aber ich glaube, harmlose Hygieneregeln, die man sehr gut begründen kann, gehörten in den letzten Monaten eher zu den kleineren Problemlagen. Vor allem verglichen mit Dingen wie wochenlanger Heimbeschulung. Ich fand als Kind Händeschütteln übrigens total ätzend und sehe den „Verlust“ dieser sozialen Interaktion als einzigen Gewinn der Pandemie.

„Der schwerwiegendste Eingriff in die seelische Integrität der Schulkinder ist zweifelsohne die Maskenpflicht (…). (…). Gerade Kinder sind für eine zwischenmenschliche Kommunikation zwingend auf nonverbale Signale wie die Mimik des Gegenübers angewiesen. (…) Ein normales Schulleben ist unter diesen Bedingungen nicht vorstellbar, und für viele Schüler wird der Schulalltag zur Qual.“

Ich habe die pseudowissenschaftlichen Begründungen bewusst weggelassen, um das hier nicht zu ausufernd werden zu lassen. Aber die Quellen des Dokuments lohnen einen Blick. Mit Infektionsschutz und Pandemiebekämpfung haben sie jedenfalls so gut wie keine Schnittmengen.

Wir fassen die Sicht der ÄII zusammen: Impfungen gegen Covid-19 lehnen sie genauso ab wie nichtmedikamentöse Interventionen. Das heißt also, dass wir wir nach deren Ansicht die Pandemie einfach laufen lassen müssten. Dann feiern wir nicht Heiligabend 2021 mit Oma und Opa, sondern beerdigen sie am vierten Advent. Immerhin hat man dann auch einen Grund, sich am Heiligabend zu besinnen. Wenn die Kinder im Bett sind.


Autor: Dr. med. Jan Oude-Aost


Bild von Susanne Jutzeler, suju-foto auf Pixabay