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„Impfen Pro & Contra:
Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung“ von Dr. Martin Hirte
Eine Analyse von Dr. Jan Oude-Aost

 

20. Teil – “Impfkritik

 

Ich konzentriere mich an dieser Stelle auf die Impfkritik der Anthroposophie, da ich der Ansicht bin, dass diese die zentrale Motivation für Hirte und den Verein der Ärzte für eine individuelle Impfentscheidung ist. Auf dieser Grundlage plädieren sie für eine „individuelle Impfentscheidung“, die die Impfempfehlungen der StIKO in Frage stellt.

“Anthroposophische Ärzte sind der Auffassung, dass Krankheiten an der Prägung des individuellen Entwicklungsganges eines Menschen beteiligt sind und daher auch einen Sinn haben. Der Antigenkontakt sei von Mensch zu Mensch normalerweise sehr unterschiedlich; so bilde sich im Lauf der ersten Lebensjahre ein jeweils sehr individuelles Immunsystem heraus. Durch immer mehr Impfungen würde dagegen eine »Automatisierung der immunologischen Reaktions- und Ausdrucksmöglichkeiten« herbeigeführt (Meinecke 19991). Dies führe zu einer Schwächung des seelisch-geistigen Impulses des Menschen, denn dieser Impuls sei im körperlichen Bereich auf den Aufbau eines ganz individuellen »Eiweißes« angewiesen. Impfungen seien ein Versuch, den Zufall zu beherrschen, und schränkten das Bewusstsein des Menschen ein, das sich unter anderem durch scheinbare Zufälle zum Ausdruck bringt. Die geistigen Lebensimpulse gingen so verloren, und der Mensch werde immer mehr an die materielle Welt »gefesselt«.” (Seite 118)

Meinecke 1999 ist eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift für anthroposophische Medizin (1). Seine Sicht auf den Menschen scheint deutlich von der anthroposophischen Weltanschauung geprägt zu sein, wie auch in einem Interview zu ADHS erkennbar ist. Im Film „Eingeimpft“ ist Meinecke während eines Vortrages zu Impfungen zu sehen, den er in einem anthroposophischen Krankenhaus hält. Die sich aus der Anthroposophie ergebenden Sichtweisen stehen oft nicht oder nur in Teilen mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang. Das ist im Prinzip insofern kein Problem, als wir glücklicherweise in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen ihrer eigenen Weltanschauung folgen und sich gegen wissenschaftliche Erkenntnisse verschließen dürfen. Problematisch wird es, wenn weltanschauliche Argumente angeblich wissenschaftlich begründet werden und dabei der aktuelle wissenschaftliche Konsens ignoriert und das Vertrauen in Institutionen untergraben wird.

“Steiner meint weiter, eine Impfung sei eine Art unterschwelliger, nicht ins Bewusstsein kommender Sinnesreiz, der eine Erkrankung nur vortäuscht. Er unterlaufe somit den Willen und könne zu seiner Schwächung beitragen. Willensschwäche aber sei ein Hauptproblem »unserer« Zeit. Im Gegensatz dazu bleibe der Organismus in der Auseinandersetzung mit Krankheiten »frei«, was daran zu sehen sei, dass er einmal erkrankt, das andere Mal jedoch eine stille Feiung ohne Krankheitssymptome durchmacht.

Steiner hält andererseits auch die Vorbeugung von Krankheiten für einen denkbaren Weg: »Die fanatische Stellungnahme gegen diese Dinge ist nicht das, was wir anstreben, sondern wir wollen durch Einsicht die Dinge im Großen anders machen« (Steiner 1910).” (Seite 119)

Was Hirte unerwähnt lässt, ist die Annahme Steiners, dass Masern dazu dienen, eine zu intensive Beschäftigung mit sich selbst in einem früheren Leben  auszugleichen (2).

“»Auch heute ist es das Anliegen der Autoren wie vieler gleichgesinnter anthroposophischer und homöopathischer Kollegen, den Eltern einen freien Impfentscheid aus Einsicht zu ermöglichen und damit eine eigenständige Position zwischen fanatischen Impfgegnern und demagogisch auftretenden Impfbefürwortern einzunehmen, die jeglichen Dialog durch Zwang ersetzen wollen« (Soldner 2011 (3).” (Seite 119/120)

Soldner 2011 argumentiert ebenfalls weltanschaulich. Wenn er die Informationen zu Impfungen so verzerrt darstellt, wie Hirte das in seinem Buch macht, ist es verständlich, dass Menschen, die rational wissenschaftlich argumentieren, von einer solchen Position aus als “demagogisch auftretende Impfbefürworter” empfunden werden. Ob Hirtes Buch selbst “fanatische Impfgegner” erzeugen kann, bezweifle ich, er ist vermutlich selbst keiner. Doch es ist in der Lage, genug Menschen zu verunsichern und “fanatische Impfgegner” mit seriös wirkenden Argumenten zu versorgen und in ihrer Meinung zu bestätigen. Tragisch wären Fälle, in denen Eltern nach der Lektüre von Hirtes Buch – in der Überzeugung, das Beste für ihr Kind getan zu haben – auf Impfungen verzichten.

“»Aus Sicht der Anthroposophischen Medizin geht es darum, jede Impfentscheidung auf der Grundlage seriöser Informationen, in Abwägung von Chancen und Risiken, im Hinblick auf die jeweilige soziale Einbindung und die biographische Situation individuell zu treffen. Ärzten kommt dabei eine beratende Rolle zu – in einem ergebnisoffenen Entscheidungsprozess« (Schmidt-Troschke 2009).” (Seite 120)

Schmidt-Troschke ist ebenfalls anthroposophisch orientiert und räumte in einem Interview bei intensiver Nachfrage ein, aus weltanschaulicher Sicht zu argumentieren. Das ist natürlich einerseits in Ordnung, wir leben in einem freien Land. Allerdings wird es problematisch, wenn diese weltanschauliche Sicht einerseits nicht offengelegt wird und andererseits wissenschaftliche Erkenntnisse so verzerrt und selektiv wiedergegeben werden, dass Eltern eine freie Impfentscheidung gerade nicht möglich ist.

Zu Beginn fragte ich, was wäre, wenn Hirte Recht hätte. Ich hoffe, hier dargelegt zu haben, dass Hirte in seinen zentralen Annahmen irrt. Impfen ist effektiv und sicher. Den Empfehlungen der STIKO können Eltern mit gutem Gewissen vertrauen. Ob Martin Hirte das in ihn gesetzte Vertrauen verdient, muss jedeR selbst entscheiden.


  1. Hepatitis-B-Impfung – Gegenwärtige Indikationsstellung und Problematik eines Konzepts.; Meinecke, C.; Der Merkurstab 1999, Sonderheft Hepatitis: 68–77
  2. “Wir finden dabei, daß dieser Masernfall aufgetreten ist als eine karmische Wirkung von solchen Vorgängen in einem vorangegangenen Leben, die wir etwa so beschreiben können: Die betreffende Individualität war in einem vorhergehenden Leben eine solche, die sich nicht gern um die äußere Welt bekümmert hat, sich nicht gerade im grob egoistischen Sinne, aber doch viel mit sich selber beschäftigt hat; eine Persönlichkeit also, die viel nachgeforscht hat, nachgedacht hat, (…) Die Schwäche der Seele, welche sich daraus ergeben hat im Verlaufe des Lebens, führte dazu, daß im Leben zwischen Tod und neuer Geburt Kräfte erzeugt wurden, welche den Organismus in verhältnismäßig später Lebenszeit noch einem Masernanfall aussetzten.
    Jetzt können wir uns fragen: Wir haben auf der einen Seite den Masernanfall, der die physisch-karmische Wirkung ist eines früheren Lebens. Wie ist es denn aber nun mit dem Seelenzustand? Denn das frühere Leben gibt ja als karmische Wirkung auch einen gewissen Seelenzustand. Dieser Seelenzustand stellt sich so dar, daß die betreffende Persönlichkeit in dem Leben, wo sie auch den Masernanfall hatte, immer wieder und wieder Selbsttäuschungen unterworfen war. Da haben Sie also die Selbsttäuschungen anzusehen als die seelisch-karmische Folge dieses früheren Lebens und den Eintritt der Masern als die physischkarmische Folge jenes Lebens.
    Nehmen wir nun an, dieser Persönlichkeit wäre es gelungen, bevor der Masernfall eintrat, etwas zu tun, um sich gründlich zu bessern, das heißt, um eine solche Stärke der Seele sich anzueignen, daß sie nicht mehr ausgesetzt wäre allen möglichen Selbsttäuschungen. Dann würde diese dadurch heranerzogene Seelenstärke dazu geführt haben, daß die Masernerkrankung hätte unterbleiben können, weil das, was im Organismus schon hervorgerufen war bei der Bildung dieser Organisation, seinen Ausgleich gefunden hätte durch die stärkeren Seelenkräfte, welche durch die Selbsterziehung herangezogen worden wären.” Rudolf Steiner, „Die Offenbarungen des Karma“, GA 120, FÜNFTER VORTRAG, Hamburg, 20. Mai 1910, S. 102ff
  3. Individuelle Pädiatrie – Leibliche, seelische und geistige Aspekte in Diagnostik und Beratung. Anthroposophisch-homöopathische Therapie
    Georg Soldner, Hermann Michael Stellmann
    1202 Seiten; 2018; 978-3-8047-3303-9 (ISBN)