Das Gesetz zur Masernimpfpflicht ist nun vom Bundestag beschlossen und es wird sich herausstellen, ob sich die Hoffnungen und die Befürchtungen dazu erfüllen und welche nicht intendierten Konsequenzen es nach sich ziehen wird.

Ich möchte mit diesem Beitrag die Artikelreihe zur Veranstaltung „Braucht Deutschland eine Impfpflicht“ des Vereins „Ärzte für eine Individuelle Impfentscheidung“ (ÄII), die ich am 12.10.2019 besuchen durfte, abschließen. Um es gleich zu Anfang pointiert zusammenzufassen: An dieser Veranstaltung konnte man sehen, warum es problematisch ist, weltanschaulich begründete Positionen zu vertreten und zu versuchen, dies mit einem (schein)wissenschaftlichen Schutzschild zu umgeben und auf diese Weise zu legitimieren.

 

Wo sind wir denn eigentlich?

Beginnen möchte ich zunächst mit etwas anderem.

Die Veranstaltung erhob den Anspruch, sich sachlich mit der Masernimpfpflicht auseinandersetzen zu wollen und wurde dem über weite Teile durchaus gerecht. Unter anderem der Vortrag von Professor Rixen war in dieser Hinsicht gehaltvoll, die Podiumsdiskussion war hochkarätig besetzt. Aber gerade diese hochkarätige Besetzung sehe ich im Kontext dieser Veranstaltung als Problem.

Der Verein ÄII gibt sich auf seiner Website weltanschaulich neutral, hat aber personelle und organisatorische Verbindungen zu Menschen und Organisationen, die sich der Verbreitung anthroposophischer Ideen verschrieben haben. Anthroposophie ist eine okkult-esoterische Weltanschauung, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner unter Verwendung von Elementen diverser esoterischer und religiöser Strömungen erdacht und begründet wurde. Ein zentraler Aspekt dabei ist der Glaube an “Wiederverkörperung und Schicksal” (also von “Karma” mit Wirkung über die Reinkarnationen hinweg) und eine Lehre von “Entwicklungsstufen”, der Ausbildung von “Wesensgliedern”, die beim Menschen nur ein Abbild gleicher “kosmischer”, universeller Entwicklungen darstellen. Krankheiten werden vielfach als “fördernd” für diese Entwicklung angesehen, aus diesem Grund steht die Anthroposophie Impfungen kritisch gegenüber: Die Verhinderung von Krankheiten kann innerhalb dieses Weltbildes negativen Einfluss auf die angestrebte Entwicklung haben.

Ein weiterer Zusammenschluss, der hier beteiligt war und seinerseits bereits Veranstaltungen zur kritischen Auseinandersetzung mit Impfungen durchgeführt hatte, ist der Verein „Gesundheit Aktiv“. Dieser Verein steht offen zu dem Ziel, anthroposophische Ideen von Gesundheit verbreiten zu wollen. Zudem gibt es personelle Überschneidungen,  so ist der Vorsitzende von “Gesundheit Aktiv”, Herr Schmidt-Troschke, der seinen Verein prominent in Berlin vertrat, auch Mitglied bei ÄII.

Anthroposophie sieht sich als Maßstab für viele Lebensbereiche und hat konkrete eigene Vorstellungen über die Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenlebens nach Maßgabe der von Rudolf Steiner entwickelten anthroposophischen Prinzipien. Darum haben anthroposophische Verbände auch immer eine politische Agenda – eine Agenda, die sie in der Regel nicht offen kommunizieren. Ziel ist, unsere Gesellschaft entsprechend den anthroposophischen Vorstellungen zu beeinflussen und zu verändern. Demgemäß streben anthroposophische Verbände an, gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Der Versuch, weltanschaulichen Positionen eine gesellschaftliche Relevanz zu verschaffen, ist natürlich in einem weiten Rahmen legitim; ich halte jedoch die Methoden in diesem Falle für intransparent und im Kern nicht für demokratisch, weil nicht mit offenen Karten gespielt wird.

Deshalb halte ich es für problematisch, wenn Vertreter staatlicher Einrichtungen einer Veranstaltung eines anthroposophischen Vereins Legitimität verleihen, ohne dass allen Beteiligten klar ist, was für eine Agenda hinter dem Veranstalter steht.

Weltanschauung vs. Intersubjektivität

Eine weitere Schwierigkeit tritt auf den Plan, wenn weltanschaulich begründete Haltungen vorgeblich wissenschaftlich begründet werden.

Es ist natürlich prinzipiell möglich, dass die eigene Weltanschauung nicht die führende Motivation bei der Auseinandersetzung mit einer Problemstellung ist. Ebenso mag es sein, dass die individuelle weltanschauliche Sichtweise nur initial für eine solche Auseinandersetzung ist und diese angesichts der Sachargumente beim tieferen Eindringen in das Problem bedeutungslos wird (Wandel von Subjektivität zu Intersubjektivität). Das alles weiß allenfalls der Suchende und Urteilende selbst, ich kann dies nur allgemein mutmaßen. Doch es ist auffällig, dass Menschen, die der Anthroposophie oder der Homöopathie positiv gegenüberstehen oder sie sogar praktizieren, bei der Frage des Impfens dem wissenschaftlichen Konsens eine zumindest indifferente Haltung entgegenbringen. Wie gut oder eben nicht gut diese Indifferenz und die für sie ins Feld geführten Argumente einer kritischen Prüfung standhalten, kann man u.a. auf dieser Website nachlesen.

Wenn die katholische Kirche eine Veranstaltung zur Empfängnisverhütung macht, ist allen Beteiligten klar, dass es sich um die Promotion einer weltanschaulichen Position handelt. Das ist auch prinzipiell in Ordnung, es gehört zum gesellschaftlichen Aushandlungsprozess. Irreführend wird es, wenn vorgeblich wissenschaftlich argumentiert wird, es aber eigentlich um Weltanschauung (oder andere persönliche Interessen) geht. Wir erleben das zum Beispiel bei der scheinwissenschaftlichen Bemäntelung der Leugnung des menschengemachten Anteils am Klimawandel.

Im Rahmen der Veranstaltung des ÄII wurde die anthroposophische Weltanschauung und ihr konkreter Bezug zum Impfthema nicht thematisiert, ja nicht einmal erwähnt. Den meisten Menschen dürfte nicht klar sein, was Anthroposophie bedeutet. Das ist Absicht, Rudolf Steiner hat seinen Anhängern öfter Verschwiegenheit angeraten.

All dies ist nicht ohne Bedeutung für die Bewertung der hier besprochenen Veranstaltung: Deutschlands führende wissenschaftliche Impfbewerter haben sich auf einer Veranstaltung geäußert, deren Organisatoren weder die übergeordnete Idee anthroposophisch geprägter gesellschaftlicher Veränderungen noch die konkreten Ideen des angeblichen Einflusses von Impfungen auf die spirituelle (geistige) Entwicklung des Menschen nach dem anthroposophischen Modell offen gemacht haben. So sickern anthroposophische Ideen ungefiltert und unbemerkt in die Gesellschaft und können nicht als das erkannt werden, was sie sind: Ergebnis religiös-weltanschaulicher  Überzeugungen, denen es an der Voraussetzung der Intersubjektivität fehlt, wie sie eine wissenschaftliche Betrachtungsweise fordert. Manches, was bereits in Teilen der Bevölkerung zu Masern und Impfungen verbreitet ist, hat seinen Ursprung in der Anthroposophie und ist wissenschaftlich unsinnig (z.B. ein angeblicher “Entwicklungsschub” nach der Erkrankung).

Darum sehe ich auch mit Sorge, dass so hochrangige VertreterInnen von Staat und Wissenschaft aktiv an einer solchen Veranstaltung teilnehmen und ihr damit Legitimation verleihen. Prinzipiell stimme ich natürlich der Notwendigkeit zu, sich einer gesellschaftlichen Debatte zu stellen, aber dann muss auch mit offenem Visier gestritten werden. Es ist bedenklich, wenn ein Diskurs scheinbar intersubjektiv-wissenschaftlich geführt wird, jedoch wissenschaftlich daherkommende Argumente letztlich von einer nicht offen kommunizierten weltanschaulich-subjektiven Grundposition bestimmt sind.

Herr Schmidt-Troschke hat in einem Interview einmal zugegeben, dass die Impffrage für ihn letztlich ein weltanschauliche Frage ist. Das ist das Mindeste, was ZuschauerInnen auf einer solchen Veranstaltung wissen müssten. Die vorgetragenen Argumente ändern sich dadurch nicht, die Einschätzung aber sicher schon. Wir alle wissen – oder sollten wissen -, wie sehr wir geneigt sind, Fakten gelegentlich der eigenen Sichtweise “anzupassen” (ich weiß das zumindest für mich und hoffe jedenfalls, diesem Kognitionsfehler so weit wie möglich zu entgehen).

Deshalb scheint es passend, diese kleine Reihe mit einem bekannten Zitat von Richard Feynman zu beschließen:
The first principle is that you must not fool yourself — and you are the easiest person to fool.”


Autor: Dr. Jan Oude-Aost


Collage-Bilder von martinlaeger und  OpenClipart-Vectors auf Pixabay