In den USA sorgt eine neue Behauptung für Aufsehen: Präsident Trump bezeichnet Paracetamol (Handelsname u.a. Tylenol) als „einen sehr großen Faktor“ bei der Entstehung von Autismus. Die MMR-Impfung scheint als Sündenbock ausgedient zu haben – nun ist es das weltweit millionenfach eingesetzte Schmerzmittel, das ins Visier gerät.
Die Reaktionen sind erwartungsgemäß heftig. Medien berichten über eine bevorstehende Ankündigung der US-Regierung, die einen Zusammenhang zwischen Paracetamol-Einnahme in der Schwangerschaft und Autismus nahelegen soll. Doch was sagt die Wissenschaft?
Was Paracetamol ist – und warum es so häufig verwendet wird
Paracetamol (auch Acetaminophen genannt) ist eines der am häufigsten eingesetzten Schmerz- und Fiebermittel weltweit. Rund die Hälfte aller Schwangeren nimmt es im Verlauf der Schwangerschaft ein – meist wegen Kopfschmerzen, Fieber oder Rückenschmerzen. Es gilt – sofern sorgfältig dosiert – als gut verträglich und ist in den meisten Ländern rezeptfrei erhältlich.
Was die Forschung sagt – und was nicht
Die Fachzeitschrift Nature hat die aktuelle Studienlage analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig:
- Es gibt keine belastbaren Belege für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Paracetamol in der Schwangerschaft und Autismus.
- Die größten und methodisch besten Studien – etwa aus Schweden (2,5 Millionen Kinder) und Japan (200.000 Kinder) – zeigen keinen signifikanten Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Paracetamol-Exposition.
- Frühere Studien, die einen Zusammenhang nahelegen, leiden unter methodischen Schwächen: Selbstberichte, fehlende Kontrolle von Gesundheitsfaktoren, geringe Aussagekraft.
Helen Tager-Flusberg, Psychologin an der Boston University, bringt es auf den Punkt:
„Die besser kontrollierten Studien finden kaum ein Risiko – und selbst dann sprechen wir von minimalen Assoziationen.“
James Cusack, Geschäftsführer der britischen Organisation Autistica, ergänzt:
„Es gibt keine überzeugenden Hinweise auf eine kausale Verbindung. Die beobachteten Unterschiede sind sehr klein und wahrscheinlich durch andere Faktoren erklärbar.“
Die Ursachen von Autismus sind komplex. Genetische Faktoren spielen eine zentrale Rolle, Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung oder bestimmte Schwangerschaftskomplikationen haben allenfalls einen moderaten Einfluss. Paracetamol ist bislang nicht als Risikofaktor belegt.
Wenn nun politische Akteure wie Präsident Trump solche Zusammenhänge behaupten, ohne wissenschaftliche Grundlage, dann ist das nicht nur irreführend, sondern auch gefährlich. Es verunsichert Schwangere, schürt Misstrauen gegenüber medizinischen Empfehlungen und lenkt von den tatsächlichen Herausforderungen in der Autismusforschung ab.
Fazit
Paracetamol ist kein neuer Sündenbock. Die Wissenschaft sieht keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen seiner Einnahme in der Schwangerschaft und Autismus. Wer anderes behauptet, sucht einfache Antworten auf komplexe Fragen – und gefährdet damit das Vertrauen in evidenzbasierte Medizin.
Quelle: Nature: Trump links autism and Tylenol – is there any truth to it?
Inzwischen (24.09.25) nimmt auch die WHO Stellung zu den „Botschaften“ aus dem White House;
https://www.who.int/news/item/24-09-2025-who-statement-on-autism-related-issues
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Autor: Udo Endruscheit