Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgelegt, Muster zu erkennen. Es ist darin so gut, dass wir dazu neigen, auch dort Muster zu erkennen und Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind. Im schlechtesten Falle führt das zur Entstehung von Verschwörungsmythen. Ich habe auch nur ein solches Gehirn und so ist es nicht verwunderlich, dass mir ein STIKO-kritischer Kollege in einer Diskussion zurückmeldete, ich würde überall Verschwörungen sehen.

In dieser Diskussion ging es um die „DEMO FÜR DIE FREIE IMPFENTSCHEIDUNG AM 14. SEPTEMBER 2019 in BERLIN“. Ich war aufgrund mancher Anzeichen im Vorfeld der Ansicht, es bestehe die Gefahr, dass dort Menschen mit demokratiefeindlichen Ansichten die Veranstaltung zum Impfthema als Bühne und Vehikel zur Verbreitung ihrer Ansichten nutzen würden. Die Gefahr sah wohl nicht nur ich, denn auch die Organisatorinnen wiesen schon im Vorfeld darauf hin, dass es nur um Impfungen gehen sollte und man politischen Extremismus ablehne. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass das Thema der Impfskepsis und der Impfgegnerschaft als „anschlussfähig“ an bestimmte politische Extrempositionen gesehen wird, weil es sich scheinbar zur Fundamentalopposition gegen „den Staat“ eignet.

Inzwischen hat die Demo stattgefunden. Während ich heute an der Elbe laufen gehe, lasse ich mir den Kommentar des Kollegen und einige Eindrücke aus Videos von der Demo durch den Kopf gehen. Ich war ziemlich erschrocken als ich gehört hatte, 3.000 Menschen seien auf der Demo gewesen. Und als ich ein wenig durch die Links geklickt hatte, die im Rahmen der Organisation geteilt wurden, merkte ich, wie professionell vielfach bei Impfgegnern mittlerweile gearbeitet wird und wie gut man dort vernetzt ist. Ich hatte das wohl wirklich unterschätzt. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass die meisten Menschen sich legitimerweise Sorgen um ihre Kinder machen und jetzt befürchten, diese gegen ihren Willen impfen lassen zu müssen. Ganz unabhängig von der Richtigkeit der dahinterstehenden Ansichten und Meinungen finde ich es legitim, dagegen auf die Straße zu gehen. Aber davon muss man unterscheiden, dass das Thema von Menschen mit rechtsextremen, demokratiefeindlichen Ansichten „gekapert“ wird – und dieser Eindruck bereitet mir Sorgen. Es beunruhigt mich, wenn das Thema der Ablehnung von Impfungen (mit oder ohne Zwang) als Vehikel für die Verbreitung von Ideen und Zielvorstellungen dient, die mit dem Sachthema nichts mehr zu tun haben. Aber nun ja, vielleicht übertreibe ich wirklich, denke ich und schaue auf die Elbschlösser. Immerhin hatten die Organisatorinnen sich ausdrücklich vorab schon von solchen Aussagen distanziert. Bin ich womöglich zu oft geimpft und sehe deshalb schon Gespenster?

Dann fällt mir jedoch eine Rede ein, die ich von der Demo gesehen habe. Heiko Schrang bedankt sich dafür, von einer der Organisatorinnen eingeladen (!?) worden zu sein. Er sagt, er habe zum Thema Impfen gar nicht so viel zu sagen, ihm gehe es um „das Globale“. Und dann bekommen alle ihr Fett weg: Die EZB, die Politiker, die GEZ, die Pharmaindustrie, die Großfinanz und so weiter. Er wertet die „Wir sind mehr“ und „Unteilbar“-Demonstrationen ab und lässt das Publikum skandieren: „Wir sind noch mehr“. Und er spielt auf einen Mythos an, der erstmals in Dresden in die Welt gesetzt wurde: Demonstranten würden „vom Staat“ für die Teilnahme an bestimmten Demos (z. B. „Wir sind mehr“ und „Unteilbar“) bezahlt. In den USA nennt man solche Aussagen „Dogwhistle“: Eingeweihte verstehen, was gemeint ist.

Sind wir da nicht sozusagen punktgenau bei meinen Befürchtungen? Natürlich kann es auch sein, dass ICH das alles falsch verstehe. Ich befürchte jedoch, dass ich das ganz richtig verstehe: nämlich dass das Spahnsche Gesetz zur Impfpflicht eine unappetitliche Allianz zwischen Netzwerken der Impfgegner und von Neurechten befördert, weil sie der drohende „Impfzwang“, das angebliche „staatliche Diktat“, näher zusammenbringt.

Als meine Beine schon ein wenig müde sind, gibt mir eine Parole auf dem Asphalt Anlass und Gelegenheit, noch einmal anzuhalten. Das Widerstandsrecht nach dem Grundgesetz soll durch die Einführung einer Impfpflicht mobilisiert werden? Was allen Ernstes impliziert, die Impfpflicht ziele auf die „Beseitigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, wie es das Grundgesetz formuliert? Und wieder meldet sich mein Gehirn: Wird hier nicht vollends offensichtlich, wie das Impfthema nur noch als „Träger“ einer ganz anders gearteten Botschaft benutzt wird?

Ich setze meinen Lauf fort. Das Impfthema ist jederzeit diskussionsfähig auf sachlicher Ebene – eine solche Diskussion wird aber unmöglich gemacht, wenn das Thema in derartiger Weise vereinnahmt wird. Wir brauchen eine Basis überprüfbarer Fakten, anhand derer wir diskutieren und zu Ergebnissen gelangen. Wir wollen dazu beitragen, diese Faktenbasis zu vermitteln, sie dort diskutieren, wo sie nicht klar ist, Irrtümer beseitigen, Fehlinformationen richtigstellen. Wie wir sehen, brauchen wir dabei einen langen Atem. Schöne Grüße von der Elbe.


Autor: Dr. med. Jan Oude-Aost


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