Jürgen Fridrich im Kompetenzcheck

Jürgen Fridrich gehört zu den Impfgegnern ohne formelle medizinische Ausbildung. Erste Spuren seiner Aktivitäten im Netz stammen bereits aus dem Jahre 2008. Er hält Vorträge, betreut Websites, Vereine und schreibt Bücher zum Thema Impfen. Eine seiner Hauptthesen ist, dass Impfungen nichts mit dem Rückgang von Infektionskrankheiten zu tun haben. Diese These ist nicht neu und wird in der einen oder anderen Ausprägung von vielen ImpfgegnerInnen vertreten.

Wie es um seine Kompetenz zu dem Thema bestellt ist, zu dem er immerhin Bücher geschrieben hat, wird im Folgenden beleuchtet. Anders als bei  Rolf Kron wird das etwas schwieriger, weil Fridrichs Aussagen oft im Ungefähren bleiben. Wo Rolf Kron eine klar widerlegbare Aussage nach der anderen macht, raunt Fridrich mittels einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener Aussagen, dass da auf der einen Seite etwas fehlen, auf der anderen Seit da doch mehr sein müsse als „der Mainstream“ behaupte.


Zuerst geht es um einen Vortrag vom 22.03.2019 in Apfelstädt, der auf Youtube angeschaut werden kann. Er zeigt dabei (ab 15’55 min) eine Folie mit folgendem Satz:

“Momentan reichen die in Deutschland verfügbaren Routinedaten nicht aus, um die Wirksamkeit von Impfprogrammen zu evaluieren.“

Die Aussage stammt aus einer Veröffentlichung des Robert-Koch-Instituts[1]. Das ist taktisch klug, weil das RKI den meisten Menschen als seriöse Quelle gilt. Viele Impfgegner nutzen, wie hier, Zitate aus Veröffentlichungen des RKI, um ihre Ansichten vorgeblich zu belegen. Wenn dessen Aussagen ihnen nicht passen, rufen sie allerdings lautstark, dem RKI sei nicht zu trauen. Fridrich versucht mit der Aussage zu belegen, es gäbe keinen Nachweis für die Wirksamkeit von Impfungen. Bei dem Vortrag sagt er, dass bisher „niemand versucht habe diese Aussage zu widerlegen”. Dazu besteht aber auch gar kein Anlass, da sich diese Aussage überhaupt nicht auf das bezieht, was er mit ihr belegen will.

Der RKI-Artikel, aus dem das Zitat stammt, handelt davon, Effekte von Impfungen auf eine Bevölkerung zu testen. Es geht dabei eben nicht um die Wirksamkeit bei einzelnen Menschen, das ist die Aufgabe des Paul-Ehrlich-Instituts. Die individuelle Wirksamkeit einer Impfung ist relativ einfach nachweisbar. Effekte von Impfprogrammen auf eine ganze Bevölkerung sind deutlich komplizierter zu untersuchen und aufwändiger zu überprüfen. Dabei spielen Faktoren eine Rolle, die bei dem speziellen Impfstoff und gleichzeitig bei jeder breit angelegten Intervention einen Einfluss haben. Durch die föderale Struktur der Gesundheitspolitik stößt das Robert-Koch-Institut auf Schwierigkeiten, wenn es Programme durchführen will, die auf Bundesebene greifen. -Solche Programme wären aus meiner Sicht wünschenswert, dafür braucht es aber politischen Willen.

Das Zitat wird von Fridrich selektiv aus einem Kontext entnommen und auf einen ganz anderen übertragen: Er bezieht eine Aussage des RKI, die sich auf die Probleme bei der Evaluierung von Effekten einer Impfung im Bevölkerungsmaßstab bezieht, auf die Wirksamkeit am einzelnen Individuum.

Um den Unterschied deutlich zu machen, sei das hier kurz anhand der Tollwutimpfung skizziert. Die Tollwutimpfung ist in Deutschland keine Regelimpfung. Sie wird nur empfohlen, wenn man in bestimmte Länder reist, in denen das Risiko, sich mit Tollwut zu infizieren, gegeben ist. In Deutschland gibt es faktisch kein solches Risiko. Die Tollwutimpfung ist bei einer Einzelperson wirksam und insofern von Nutzen, darum wird sie als Reiseimpfung empfohlen. Wenn man aber in Deutschland alle Menschen gegen Tollwut impfen würde, gäbe es sehr wahrscheinlich keinen messbaren Effekt auf die Bevölkerung. Dann hätte man Kosten und u.U. Nebenwirkungen erzeugt, aber keinen Nutzen, der über den der anlassbezogenen Impfempfehlung hinausginge.

Da das RKI die Aufgabe hat, die Gesundheit der Bevölkerung zu überwachen sind die Effekte von Impfungen bzw. Impfprogrammen auf eine ganze Bevölkerung das, was es interessiert. Das umfasst ein weit größeres Spektrum als nur Fragen der Wirksamkeit beim einzelnen Individuum.

In dem von Friedrich herangezogenen Artikel des RKI wird auch erwähnt, dass die Prävalenz (grob: die Häufigkeit) vieler Erkrankungen zum Teil nicht gut bekannt ist. Um die Wirkung von Impfungen für eine Bevölkerung einschätzen zu können muss man auch diese Prävalenz in dieser Bevölkerung kennen. Das ist ein Teilaspekt der Schwierigkeiten, die das RKI mit dem von Fridrich verwendeten Zitat umreißt. Das erwähnt Herr Fridrich auch zu Beginn seines Vortrages. Wir können nur spekulieren, warum er gleichwohl das Zitat falsch darstellt.


Fridrich zeigt ab Minute 37 eine Grafik, die den Rückgang von Todesfällen durch das Masernvirus darstellt. Darauf wird gezeigt, dass die Anzahl von masernbedingten Todesfällen bereits vor Einführung der Impfung deutlich zurückgegangen ist. Fridrich knüpft daran die Aussage: „Wenn jemand behauptet: ‚Dank der Masernimpfung sterben die Menschen nicht mehr‘, kann man das widerlegen.“

Das ist rein logisch eine richtige Aussage. Allerdings gibt es den „jemand“ der dies „behauptet“, gar nicht – zumindest nicht jemand, der etwas Substanzielles zu sagen hätte. Fridrich baut sich hier sein eigenes Argument, um es dann zu widerlegen, einen „Strohmann“. Die Masernimpfung verhindert die Masernerkrankung. Und zwar sehr effektiv und sicher. Das ist auf Grafiken zu sehen, die den Verlauf der weltweiten Maserninfektionen anzeigen. Und das ist auch das Ziel der Impfbemühungen. Sollen wir auf die Verhinderung von massiven Krankheitslasten mit allen damit verbundenen persönlichen und volkswirtschaftlichen Folgen verzichten, weil „die Todesfälle ohnehin zurückgegangen sind“? Nach meiner Ansicht wäre das zynisch. [2]


Auch hier ist es interessant, sich mit der der Quelle der Grafik zu beschäftigen, die Fridrich nutzt. Sie stammt aus dem Buch „The Role Of Medicine, Dream, Mirage Or Nemesis?“ das 1979 von Thomas McKeown geschrieben wurde. McKeown konzentriert sich darin auf Mortalität (die allgemeine Sterblichkeit in einer Bevölkerung ohne Rücksicht auf spezifische Ursachen) und den Effekt einzelner Maßnahmen auf die gesamte Bevölkerung. Er könnte damit duchaus als Kronzeuge für die Behauptung von Impfgegnern herangezogen werden, Hygiene etc. sei viel wichtiger als Impfungen. Er versucht in seinem Buch zu belegen, dass andere Maßnahmen (z. B. gute Ernährung) größere Effekte auf die Sterblichkeit hatten als Impfungen. Jedoch: Seine Ausführungen stammen aus dem Jahr 1979, viele seiner zentralen Thesen sind heute widerlegt, gerade die verbesserte Ernährung könnte über den Umweg einer erhöhten Bevölkerungsdichte sogar zu höherer Sterblichkeit aufgrund von Infektionskrankheiten geführt haben [3].

McKeown ist aber auch generell ein onjektiv schlechter Zeuge für die Impfgegnerschaft. Er schließt sich nämlich keineswegs der zynischen Sichtweise an, Impfungen hätten keinen Sinn. Er kritisiert den Medizinsektor sehr differenziert und spricht sich dafür aus, sehr genau zu überlegen, ob die Ressourcen, über die wir verfügen, sinnvoll eingesetzt werden. Er ist der Ansicht, Prävention sei besser als Heilung [4]. Er hebt auch deutlich hervor, nur weil eine medizinische Maßnahme unter Umständen nicht so effektiv ist, wie gedacht, bedeutet das nicht, sie hätte keinen Wert. Im Gegensatz zu Fridrich hat er einen durchaus ganzheitlichen Blick auf Medizin[5]. McKeown spricht sich sehr deutlich gegen die Ansicht aus, Krankheiten und Leid gehörten zum Leben dazu und seien zu begrüßen. Er ist für einen rationalen Einsatz moderner Methoden [6]. Auch bei McKewon reißt Fridrich eine einzelne Aussage aus dem Kontext und beruft sich dabei auf mittlerweile widerlegte Hypothesen [7]. Ein Vorgehen, wie es unter ImpfgegnerInnen nicht unüblich ist.


Ein beliebter Kritikpunkt bei Impfgegnern ist die Hepatitis-B Komponente des Sechsfach-Impfstoffes, auch Fridrich ist diesbezüglich nicht zufrieden. Man könnte sich mit der Frage beschäftigen, was denn der große Unterschied zwischen einer Fünffach- und einer Sechsfachimpfung ist – soweit dies Sinn machen würde. Belege für mehr Nebenwirkungen bei der Sechsfachimpfung gibt es nicht, auch wenn davon immer wieder gesprochen wird. Einig sind sich jedoch fast alle Impfgegner in ihrer Empörung darüber, wie man Kleinkindern eine Impfung gegen Hepatitis B zumuten könne, eine Krankheit, die man sich nur über sexuelle Übertragung oder Drogenkonsum einfangen kann (wobei sehr wohl eine Übertragung auch über infizierte Mütter stattfinden kann, was in Deutschland allerdings eine Rarität ist).

Diese Betrachtungsweise ist allerdings eindimensional und das Gegenteil dessen, was das RKI bei einer Gesamtbetrachtung des Nutzens und der Auswirkungen von Impfungen leitet. Absurderweise stellt Fridrich selbst das Argument für die Sechsfachimpfung mit Hepatitis B-Komponente vor, nämlich die unabweisbaren Vorteile einer frühen Impfung: Die Kinder sind sowieso schon in der Praxis. Jugendliche bekommt man deutlich schlechter zum Kinderarzt (Fridrich: „Ein Jugendlicher muss schon den Kopf unter dem Arm haben, damit er zum Arzt geht.“) Wenn man mit der Impfung warten würde, wären die Impfrate und damit die Schutzwirkung in der Bevölkerung mit Sicherheit geringer und Hepatitis-B würde sich besser ausbreiten können. Mit einem Sechsfachimpfstoff, der sich hinsichtlich der Verträglichkeit nicht von einem Fünffachimpfstoff unterscheidet, kann dem Kind nahezu ohne zusätzlichen Aufwand ein Schutz mitgegeben werden, den es sonst vielleicht nicht bekommen würde. Ich halte das für ein sehr rationales, einer „ganzheitlichen“ Betrachtung entspringendes Argument. Ich selbst musste noch extra einen Termin beim Arzt machen, um die Impfung vor dem 18. Lebensjahr zu erhalten, weil die Kosten da von der Kasse übernommen wurden.


Fridrich behauptet, Säuglinge die gestillt werden „bekommen praktisch kein Hämophilus Influenza-B (HIB)“. Eine wirklich starke Behauptung! Wie steht es damit? Auf einer Seite, die von Fridrich selbst verlinkt wird, ist zu lesen, dass Stillen zwar einen gewissen Schutz, aber keine Garantie bietet. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC schreibt, die meisten HIB-Fälle seien im Alter vor dem 12. Lebensmonat, also in der üblichen Stillzeit, aufgetreten, bevor es Impfungen gab. Fridrichs zitiere Aussage entpuppt sich damit als Unsinn – und Fridrich könnte das wissen.

Als letztes Beispiel für Fridrichs Umgang mit Quellen schauen wir uns ein Zitat an, das in einem Kommentar von ihm bei der Ärztezeitung zu finden ist:

„Am 31. Juli 2012 erschien im Pediatr Infect Dis J eine Arbeit über einen Rotavirus-Durchfall-Ausbruch (Sanchez-Uribe u.a., Mexiko). Das Erkrankungsrisiko (OR) betrug bei Impfung 0,41 – bei Stillen 0,20. Das heißt, Stillen halbierte das Risiko im Vergleich zur Impfung.“

Nur weil zwei Zahlen in einer Arbeit in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, kann man nicht einfach irgendwelche weitreichenden Schlüsse daraus ziehen. Fridrich behauptet hier, Stillen sei besser als eine Impfung, weil das Erkrankungsrisiko halbiert sei. Das mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen, die AutorInnen der Arbeit selbst sind aber keineswegs dieser Ansicht [8]. Sie setzen nämlich die Ergebnisse ihrer Arbeit in einen Kontext mit bisherigen Ergebnissen. Stillen hat in einigen vorherigen Arbeiten einen schützenden Effekt, in anderen nicht. Wieder andere deuten darauf hin, dass Stillen die Ersterkrankung nur nach hinten verschiebt [9]. Wir wissen also gar nicht, wie groß der Schutz durch Stillen ist – ganz sicher nicht aufgrund zweier statistischer Kennzahlen aus einer einzelnen Arbeit, bei denen fraglich ist, ob sie diese Deutung selbst für die einzelne Untersuchung überhaupt zulassen. Wir wissen aber, dass die Impfung gegen eine Infektionskrankheit mit Rotaviren schützt [10].  Wir sehen hier ein offensichtliches Bemühen, den Nutzen der Impfung mit allen Mitteln in Zweifel zu ziehen.


Was sagt uns das alles über die Kompetenz von Jürgen Fridrich? Er ist in der Lage, einzelne Aussagen aus einem Gesamtkontext herauszulösen und in sein eigenes Narrativ über Impfungen einzufügen, wo es ihm passend erscheint. Er ist jedoch nicht in der Lage, dabei den wissenschaftlichen Kontext dieser Aussagen zu wahren und führt deshalb unzutreffende Belege zur vorgeblichen Stützung seiner Ansichten ein. Leider wirkt das, allein schon wegen der häufig seriösen Quellen seiner Zitate und Aussagen, auf den ersten Blick anders und beim informationssuchenden Laien seriös und schlüssig.

Fazit: Fridrich nutzt dieselben eklektizistischen unwissenschaftlichen Methoden, wie viele andere ImpfgegnerInnen, indem er einzelne Aussagen aus ihrem originalen Kontext nimmt und sie als scheinbare Belege in seine eigenen Argumentationen falsch implementiert. Als gesundheitsrelevante Informationen über das Impfen sind seine Darstellungen daher nicht geeignet.


Literatur:

[1] Kalies H, Siedler A Durchführung von Surveillance-Programmen zur Überprüfung der Wirksamkeit von Impfprogrammen am Beispiel von Haemophilus influenzae Typ b und Varizellen. In:  Bundesgesundheitsbl 2009 52: S. 1011–1018. DOI 10.1007/s00103-009-0950-1. Online publiziert: 18. September 2009. Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin, Ludwig-Maximilians-Universität, München, Robert Koch-Institut, Berlin

[2] Impfgegnerargument failed: “Die Todesrate ist auch ohne Impfen gesunken”. https://susannchen.info/?p=4227

[3] SIMON SZRETER, The Importance of Social Intervention in Britain’s Mortality Decline c.1850–1914: a Re-interpretation of the Role of Public Health, Social History of Medicine, Volume 1, Issue 1, April 1988, Pages 1–38, https://doi.org/10.1093/shm/1.1.1 – Full text: https://pdfs.semanticscholar.org/a350/8f97eff18b8cffb5ccd8c87feda108895c58.pdf

[4] “1. I believe that for most diseases, prevention by control of their origins is cheaper, more humane and more effective than intervention by treatment after they occur. As an interpretation of the past this statement is rapidly becoming a platitude; as a prediction for the future I recognize it is still arguable.“

[5] “3. The conclusion that medical intervention is often less effective than has been thought in no way diminishes the significance of the clinical function. When people are ill they want all that is possible to be done for them and small benefits are welcome when larger ones are not available. Moreover, inability to control the outcome of disease does not reduce the importance of the pastoral or Samaritan role of the doctor. In some ways it increases it.“

[6] “4. Finally, and on a more personal note, let me add that I do not belong to the small minority of saints, reformed sinners and others for whom physical discomfort is necessary for mental comfort, and if I were ill I should not turn to fringe medicine, acupuncture, transcendental meditation or faith-healing. I should like good medical attention, by which I mean clinical service which combines technical competence with humane care.“

[7] The McKeown Thesis: A Historical Controversy and Its Enduring Influence; James Colgrove MPH; American Journal of Public Health (ajph) May 2002

[8] Risk Factors Associated With Rotavirus Gastroenteritis During a Community Outbreak in Chiapas, Mexico During the Postvaccination Era; Edgar Sánchez-Uribe et al; Journal of the Pediatric Infectious Diseases Society, Volume 2, Issue 1, March 2013, Pages 15–20, https://doi.org/10.1093/jpids/pis077; 31 July 2012

[9] “Breastfeeding has also been previously associated with a reduced risk of rotavirus diarrhea among infants. Human milk could reduce symptomatic rotavirus infections through a combination of various bioactive molecules, including lactadherin, a glycoprotein that specifically binds to and inhibits the replication of rotavirus, and maternal anti-rotavirus antibodies. However, the protective effect of breastfeeding has not been demonstrated consistently. Some population-based assessments have shown no or mild protection. In addition, other studies have shown that breastfeeding may only confer protection against severe disease or postpone rotavirus gastroenteritis to an older age. Our findings are in accord with the beneficial effects of breastfeeding against infections during infancy.”

[10] “Thus, the findings from our investigation support the contention that vaccine benefits would extend beyond preventing severe disease and will be an important strategy for improving child health particularly in developing country settings, where multiple symptomatic infections during childhood occur commonly during the first few years of life.”